Autor: Michael
HEIL-Haus
Schon von weitem höre ich die Geräusche knackender Zweige, die von einem derben Stück Holz verursacht werden, das immer wieder von unten in die Krone der alten Kastanie geworfen wird. Als ich näher komme, sind die beiden schon etwas älteren Wurfakrobaten – wohl ein Ehepaar – dabei, mit einem Strahlen der Vorfreude in den Gesichtern die Kastanien aufzusammeln, die sie so „geerntet“ haben, wahrscheinlich für ihre Enkelkinder, kann man annehmen. Ich gehe auf die beiden zu und bitte sie, damit aufzuhören, den Baum derart zu verletzen. Man muss mit wenigen Wörtern auskommen, Sprachbarriere. Sie sind ein wenig eingeschnappt und gehen dann mit ihrem schon gut gefüllten Beutel Kastanien davon.
Eine etwas traurige Szene, in der sich verschiedene Interessen kreuzen, die nicht vereinbar zu sein scheinen. Die Freude der Großeltern hatte die Schmerzen eines Baumes übersehen. Ein wirklich versöhnliches Gespräch kommt nicht zustande. Jeder geht seines Weges. Der Baum, der kaum etwas anderes gelernt hat zu wollen als zum Licht zu streben und der seine Gelassenheit darin schon über Jahrhunderte eingeübt hat, bleibt leicht blutend zurück.
Die Kastanie steht vor dem Eingang des Universitätskrankenhauses. Und sie steht da wie ein Symbol. Hier ist die Gesundheitsindustrie zu Hause, und sie hat ihre Interessen in Stein gehauen, in die Gebäudearchitektur gegossen, in das Verhalten des Personals eingebrannt und den Abläufen diktiert, die ein Streben nach dem Licht nicht vorsehen, das für alle gleichermaßen Nahrung und Lebensquelle ist. Hier ist der Geist nach wenigen Schritten ermüdet, er fühlt den Druck, sich den Notwendigkeiten zu beugen, sich zu den vorgegebenen Schienen zu reduzieren, auf denen sich die Züge hier nach Fahrplan bewegen. Er stört als das, was er IST: in allem und jedem frei atmend, auch hier, wo krank und gesund so klare Fronten zu bilden scheinen. Er akzeptiert keine Front, er denkt gleichzeitig an Kastanien und an Enkelkinder.
Dafür ist hier kein Raum.
Alles ist eine Spur zu eng, die Ausschilderung in dem labyrinthären Komplex ist so, dass sie immer ein wenig zu kurz greift, nie informiert sie vollständig, die Stationen und Patientenzimmer sind derart auf Funktionalität getrimmt, dass einem der Atem wegbleibt, die Pflegekräfte sind allenfalls höflich, aber immer schon weg, bevor man Luft für das geholt hat, was man sagen will, ihre Bewegungen gestresst, gehetzt, keine Zeit, keine Zeit, das ist hier der Takt.
Ich habe es anders erlebt in den letzten Wochen. Es gibt ganz andere Krankenhäuser. Das letzte, ein Krankenhaus der Diakonie, hat auf den Stationen eine Schrift aushängen über die Philosophie des Hauses und darin kommen „Gott“ und „Nächstenliebe“ vor. Man hat das sehr stark gemerkt, als Patient und als Besucher ist man immer auf Augenhöhe mit denen gewesen, die hier arbeiten, ist ganz selbstverständlich als Mensch angesprochen worden, bevor die Scheidung in gesund und krank relevant geworden ist.
Unfassbar der Kontrast zu dem Unikrankenhaus. Kein Raum. Keine Luft. Geistlos.
Davon werden wir krank, nicht wahr? Und das müssen wir heilen! Den Wahn, es gehe uns besser, wenn wir den EINENDEN GEIST, wenn wir GOTT vor die Tür schicken, den Irrtum, damit Klarheit über unser Ziel erreichen zu können.
„Die Angst erscheint in vielen verschiedenen Formen“, z.B. als Gesundheitswahn in einem wahnsinnig gewordenen Krankenhaus, das in allen seinen Elementen vermittelt, dass der Geist des Patienten, der nichts anderes wollen kann, als zum LICHT zu streben, wo sein HEIM und sein HEIL wohnt, bedeutungslos ist.
„Doch die LIEBE ist eins“ und sie bleibt eins, wie sehr ich mich auch einfangen lasse von diesem Höllenort. Ich besuche mal wieder meinen Freund, und als ich das Patientenzimmer betrete, ist es, als sitze das Kastanienbaum-Paar einträchtig nebeneinander auf dem Nachbarbett und schaut Fernsehen. Sie diesmal ganz in Schwarz gehüllt und beide diesmal ohne die geringsten Deutschkenntnisse. Aber dann das:
Mein Freund äußert, dass er Hunger habe und irgendwie muss die Frau in Schwarz das mitbekommen haben. Mit einem strahlenden Lächeln reicht sie ihm eine Banane herüber, die mein Freund dankbar annimmt.
Der Heilige Geist schaut heute durch wen auch immer, und wenn nicht durch mich, der ich vielleicht gerade ein wenig schwächele, dann durch dich, und wenn er sich in dem Weg einer Banane von A nach B demonstriert, dann ist das heute der Weg. Wir müssen nur fest bleiben lernen: der GEIST lässt sich nicht aus der Tür schicken. Auch hier nicht.
(Zitate aus dem spirituellen Lehrwerk „Ein Kurs in Wundern“, Greuthof-Verlag)
*
Farbe Weiß
Nur einen kurzen Augenblick lang scheint sie überwältigt zu sein von der Erinnerung an den Unfall Lauras, den ihre große Schwester nicht überlebt hatte. Vier Jahre war das jetzt her, da war sie, Klara, neunundvierzig gewesen, ihre Schwester fünfzig … Unausgesprochen steht das Wort „überlebt“ im Raum, mitsamt dem Schrecken, von dem es umgeben ist in Klaras Geist, der sich seitdem unentwegt die Frage gestellt hat, was das sei: „das Leben“? Ein Leben nach dem Schrecken, ein Leben, nachdem sie dem Tod in den Rachen geschaut hat, ein Leben in einer Gewissheit, über die sie in dieser Klarheit vorher noch nicht verfügt – sie jedenfalls nicht auf sich selbst bezogen hat? Ist das noch Leben, wenn es von sich weiß, dass es sterben muss?
Dann aber lacht sie plötzlich auf, ihr Gesicht wird hell und froh, es strahlt, als wolle es mit seinem Licht jede dunkle Ecke der Welt ausleuchten und keinen Schatten mehr erlauben, der die reine Freude in Frage stellen könnte, die sie mit ihrer Schwester immer noch verbindet.
Da ist sie erst fünf, erzählt sie lachend, Laura sechs, und es soll wie gewohnt am Wochenende zu Opa auf den Hof gehen. Diesmal aber ist große Aufregung bei den Schwestern: Opa hat zwei Kaninchen gekauft, und die würden sie füttern und streicheln und sogar Namen würden sie ihnen geben dürfen.
Die beiden haben es kaum noch ausgehalten in den letzten Tagen und den Eltern mit tausend Fragen über Kaninchen in den Ohren gelegen. Aber jetzt ist es ja endlich soweit, das Auto rollt auf Opas Hof, während Laura und Klara mangels Kaninchen ersatzweise auf dem Rücksitz herumhopsen – „Wer-am-Dach-anstößt-kriegt-einen-Punkt“.
Opa steht schon da und deutet gleich hinters Haus, wo der Kaninchenstall steht – er kennt seine Enkelinnen nur zu gut und hat sich erst gar keine Begrüßung ausgemalt, die seine Person irgendwie einbeziehen würde – statt dessen drückt er den beiden Mädchen, die ihm aus dem noch rollenden Auto entgegenstürzen, ein paar Möhrchen in die Hand, welche sie verfüttern dürfen.
„Aber macht den Stall wieder gut zu!“ ruft er ihnen noch hinterher, da sind sie schon um die Ecke geflitzt.
Klara hält kurz inne in ihrer Erzählung und beschwört den Augenblick noch einmal herauf, als die beiden Schwestern die Kaninchen entdecken: „Ich war geschockt! Ich war total entsetzt!“ Sie lacht und lacht und kann sich gar nicht mehr beruhigen: „Es war ein schneeweißes und ein rabenschwarzes Kaninchen und ich dachte, Opa hätte vergessen, das schwarze sauberzumachen!“
Minuten später stehen sie mit einer aus Opas Badezimmer geklauten Shampooflasche an dem kleinen Brunnen, Laura muss pumpen, während Klara das schwarze Kaninchen gründlich shampooniert, um es genauso schön sauber zu kriegen wie das andere.
„Erst hat Opa ein wenig geschimpft, als er schließlich um die Ecke gebogen ist und das kleine Drama entdeckt hat, dann aber hat er gelacht und uns alles erklärt.“
Klara hört auf zu erzählen und schaut mich an. Ihre Lippen haben sich in vollkommener Wehrlosigkeit aufeinandergelegt, kein Wort muss mehr gesagt werden. Und in ihren Augen ist ein Sieg zu sehen, oder nein: eher eine schlichte Wahrheit, eine Art Erleichterung und vielleicht sogar eine Spur Stolz, der drohenden Überwältigung etwas entgegengehalten zu haben, was stärker ist als der Tod. Farbe Weiß.
*
„Heinz ist gestorben“
Drei Jahre lang hat deine Reise durch die Krankenhäuser und schließlich die Pflegestationen gedauert. Wir haben uns etliche Male gesehen in dieser Zeit, viel gesprochen werden konnte nicht. Aber das, was immer schon zwischen uns war, das war ja nicht an Worte geknüpft, du bist eben auch so ein empfindsames Seelchen wie ich! Damit hat man in dieser rauen Welt ja auch genügend Schwierigkeiten, weiß Gott! Wenn es aber darum ging, ohne Worte auszukommen beim Miteinander – Kommunizieren, da waren wir unschlagbar! Man verstand sich.
An diesem Morgen bin ich ganz ruhig. Etwas, das ich vorhabe zu tun und das mir eigentlich sehr wichtig ist, lasse ich liegen. Später vielleicht. Später, eine Stunde, zwei Stunden später sage ich immer noch Nein, das kann ich jetzt nicht tun, mir fehlt etwas dazu, ich muss warten. So ist das Gefühl.
Dann klingelt das Telefon, die Nachricht von deinem Heimgang. „Heinz ist gestorben“. Beerdigung wann, wie geht es C., wer benachrichtigt U.? Danke erst mal, bis später.
Da ist immer noch diese Ruhe, ich bin allein, habe Zeit, kann mich zurückziehen … und dann … näher war ich ihm noch nie wie eben jetzt. Ich habe das Gefühl, ein paar Meter mitzugehen mit ihm, dahin, wo die Ruhe immer tiefer wird, immer lebendiger, immer friedlicher … und muss doch wieder zurück, muss ihn ziehen lassen. Aber es ist alles andere als ein trauriger Abschied, ein „Danke“ ist zwischen uns und etwas ganz „Normales“, als wenn er sage: „Das scheint nur ein Abschied zu sein, leb‘ wohl! Wir sehen uns!“ Man versteht sich.
Etwas in mir will unbedingt hadern mit diesem Erlebnis: warum war mir diese Intensität von Nähe nicht „zu Lebzeiten“ mit ihm möglich? Oder noch bitterer: wenn der ganze Frieden DORT ist, diese totale Geborgenheit, die DA zu spüren ist … was soll ich dann eigentlich hier?
Aber das ist nur … ja was? Das ist die alte Platte, die alte CD. Die Tonspur, die noch nicht gebrochen war von eben diesem „anderen“ Erleben, das sich allerdings nicht auf einen Tonträger bannen lässt, weil es nur als Klang existiert, der dann gehört wird, wenn er klingt, und nur dann.
Das vertraute, das alte Geleier vom Scheitern des Lebens kann ich mir tausendfach als Wiederholung anhören: wieso so lange leiden? Wozu überhaupt Krankheit? Weshalb sterben wir denn nur, das ist doch absurd! Wo ist da der „Sinn des Lebens“? All das Leid! Und kein Entkommen, für niemanden! Etc. etc. Die B-Seite ist noch schlimmer!
In dieser Welt suchen wir einander, das ist mir klarer geworden als es das bisher war, es kann nicht anders sein: Du suchst diese Nähe zu mir und ich suche sie gleichzeitig zu Dir: das ist das Leben hier, auch wenn wir es immer wieder verleugnen und vergessen. Das Erinnern macht diese zersplitterte Welt zutiefst sinnvoll, in jedem Schritt, den wir aufmerksam tun: jedem Erfolg, jedem Versagen, in jeder Freude und jeder Trauer, wenn wir nämlich solidarisch sind mit dieser Selbstvergessenheit UND mit der Erinnerung, wo wir eigentlich zu Hause sind: in der Liebe zueinander.
Und das hast du mir in diesen drei Jahren immer wieder gezeigt, lieber Heinz, das hast du mir ganz eindrucksvoll gestern gezeigt, und ich weiß, du wirst nicht nachlassen, mich daran zu erinnern.
„Heinz ist gestorben“, es ist ja klar, was gemeint ist. Aber es ist dennoch ein Witz! LEBEN ist nie tiefer, nie klangvoller, nie wahrer als JETZT.
DANKE! Wir sehen uns, mein Lieber!
*
Barcelona
Im Versagen der Worte,
Am tiefsten Punkt des Leids,
In der Endgültigkeit der Ohnmacht
Ist es ganz still:
Am Ende aller Dinge ist kein Tod,
Und auf der Tränen Grund nur noch,
Was Stille uns von jenseits
Aller Worte sagen will.
*
Erinnerung
Wo ist der Ort, an dem ich sah,
Dass alles gut, so, wie es ist?
Wo jeder Schmerz geheilt … so nah,
Und doch entglitt er mir und ward vermisst,
Wie unerreichbar fern für eine Zeit …
Und wieder kam der Schmerz, mich zu verhöhnen,
Doch mit ihm auch Gelegenheit,
Mich all dem, was mich je verhöhnt, jetzt zu versöhnen.
Es war die selbe Frage nur von Dir:
Wo sei der Ort, an dem wir längst genesen …
Er war und ist seit aller Zeit in mir:
Wo Du und ich Derselbe sind – und war es anders nie gewesen.
*