
Autor: Michael
Im Garten meiner Seele …
„Depressiv bin ich nicht, nein das würde ich nicht sagen. Ich war immer ein recht positiver Mensch, und das bin ich auch jetzt noch. Aber meine Energie ist weg. Da ist ein Raum um mich, aus dem alle Energie ausgelaufen ist, ein leerer Raum.
Selbstmord kommt für mich nicht in Frage, ist überhaupt kein Thema, aber was soll ich noch hier? Wissen Sie, im letzten Jahr ist mein Mann gestorben, wir waren sechzig Jahre verheiratet, ich bin jetzt fünfundachtzig, wow!, das ist nicht einfach, sag‘ ich Ihnen! Und dann kam die Krankheit, ich will Sie nicht mit Details belästigen, und jetzt müssen auch noch beide Augen operiert werden. Ich verwalte mich doch nur noch, und das mehr schlecht als recht!
Aber andererseits, wenn ich mir das so sage oder es wie jetzt erzähle, dann regt sich sofort auch etwas Anderes in mir und sagt nein!, das stimmt doch nicht, das ist nicht alles, was du empfindest, diese Leere, so schlecht ist sie gar nicht, ungewohnt vielleicht, aber auch … sehen Sie, und dann gehen mir normalerweise die Worte aus.
Letzte Woche allerdings ist mir etwas Ungewöhnliches passiert. Und seitdem hab‘ ich eine kleine Geschichte, mit der ich doch annäherungsweise sagen kann, was ich meine. Soll ich sie erzählen? Wollen Sie mir zuhören?“
„Ich höre zu“.
„Da saß ich also im Garten unserer Wohnanlage auf meinem Rollator – federleicht das Ding und sauteuer! – und schaute schon eine ganze Weile dem Gärtner und seinen Leuten zu, wie sie sich um die Bepflanzung kümmerten. Irgendwann kamen die Männer zusammen und besprachen etwas, woraufhin einer von ihnen sich aus der Gruppe löste – ein vielleicht vierzigjähriger Schwarzer, sagt man heute so? Ist das korrekt? Aber egal – der schließlich auf mich zukam.
Zu anderen Zeiten – glauben Sie mir!- hätte ich den Anblick wohl genossen, seinen federnden Gang, das Spiel seiner Muskeln: eine einzige Hymne der Freude an der Bewegung! Jetzt aber bedrückte mich die Situation eher, als ich mir vorstellte, dass er im Näherkommen erkennen würde, dass mir die Haare fehlten und wie gebrechlich ich war. Trotzdem blickte ich ihn aufmunternd an, als er endlich vor mir stand, und da …
Wenn ich jetzt feige wäre, würde ich sagen: da nickte er mir kurz zu.
Aber das war es nicht. Mit einer ganz kleinen, feinen Bewegung seines Kopfes verneigte sich dieser Mann vor mir – und im selben Moment flog ihm meine Seele zu, verzeihen Sie, ich kann das jetzt nicht anders ausdrücken, meine Seele, die er in ihrer Gänze zu kennen schien, und die er wie umarmte, um ein einfaches „Ja“ zu ihr zu sagen: Ich erkenne Dich!
Ich weiß nicht, ob Sie so etwas schon einmal erlebt haben, aber ich sage „Seele“, weil ich das Gefühl hatte, in allen Tiefen ausgelotet zu werden, auch denen, die ich selbst nicht kannte, und vor allem mit all dem, wozu ich „nein“ sagte: meinen Fehlern, dem Scheitern, der Nähe meines Sterbens. Er hat es alles umarmt. In einem einzigen Augenblick, ohne eine Antwort zu wollen. Und dann hat er nur noch seine Frage gestellt …“
„ … und was hat er gefragt?“
„Wo die Müllsäcke mit dem Laub hinsollten, bis sie abgeholt würden, ob ich das wisse?“ Ich hab‘ es ihm gesagt und er ist gegangen.
Wissen Sie, er hat mich wohl gesehen in meiner Sorge, und ich glaube …“
„Das glaube ich auch!“
„Dass …?“
„Dass er keine Angst hatte“.
„Ja. Dass er keine Angst hatte. Und das hat diesen scheinbar leeren Raum sofort aufgefüllt mit dem, wofür ich keine Worte habe. Aber jetzt kann ich’s doch wenigstens mit dieser kleinen Geschichte erzählen.“
„Ja, das können Sie. Ich hab’s verstanden, und ich danke Ihnen dafür!“
„Und ich Ihnen. Fürs Zuhören. Machen Sie’s gut und … leben Sie wohl!“
*
Ahörnchen
Es ist wohl keine Linde,
Ihr seht es an der Rinde,
Auch ist es keine Buche,
An der in liebestoller Suche
Hörnchen-Er nach unten saust,
Wo hoffentlich die Liebste haust.
Ein A-horn ist’s, auf dessen Ast,
– Sie bleibt ganz ruhig, Er ist in Hast –
Hörnchen-Lady sitzt und denkt,
– Von seinem Sturzflug wenig abgelenkt –
„Ich bin wohl sehr begehrt!“,
Und fühlt sich gänzlich unbeschwert.
*
Vergibst Du mir?
Oh Leben, wär‘ es mir nur möglich gewesen, ich wär‘ in der Liebe geblieben, hätte Sie doch nie verlassen, Die mir immer, auch in Zeiten der Verirrtheit und Verwirrung, als das Wertvollste an Dir, als Dein Innerstes erschienen ist! Diesen Gedanken, Leben, den jedenfalls hab‘ ich durch alle Zeiten hindurch nie aufgeben können. Und vielleicht ist dieses Wenige meine Rettung!
War ich denn überhaupt jemals „in der Liebe“?
Es kommt mir so vor, wie eine Ahnung, eine leise, weit entrückte Erinnerung, ein „Ja“, das heller ist als die Sonne und doch paradoxerweise unsicher, von nichts, scheinbar von nichts in meinem Leben zu belegen: ganz, absolut in der Liebe?
Da war doch immer dieser Schatten, mal mehr, mal weniger, aber immer da, und dieser Schatten war realistischer, stets aufzeigbar, in allem der innerste Kontrast – was ihn betrifft, gab es niemals eine Beweisnot! Selbst die schönsten Formen der Liebe, die ich erlebt habe, trugen doch schon die Angst, sie wieder zu verlieren, in sich.
Es war mir doch nicht möglich, bei Dir zu bleiben, Liebe, wie denn? Und dennoch ist die Sehnsucht nach Dir in mir niemals ganz verloschen.
„Ein schöner Traum!“, scheinst Du mir im Gewand der Welt höhnend entgegenzuhalten – und doch spür‘ ich, dass Du mir ganz leise, unmerklich fast, den Schlüssel in die Hand legst, als tadelst Du mich für meine Unvernunft: „Wieso glaubst Du, die Liebe finden zu können, wenn Du Sie mit Deinen Vorstellungen von dem, was die Welt ist und was Du bist, verhüllst? So ist sie nicht zu finden! Schon vergessen?: Du bist, was Du suchst, Du bist die Liebe!“
Und als ich fertig damit bin, protestierend die Liste der Beispiele herunterzubeten, die all die Formen der Liebe enthält, welche diese Welt zu bieten hat, werde ich plötzlich gewahr, dass tatsächlich ich es bin, der versucht, Sie einzumeißeln in das, was ich verstehen kann, Ihr Formen zu geben, damit Sie in diese Welt der Formen passe.
Dass ich es bin, der unablässig diesen Schatten wirft, indem er sich zwischen Sie und seine Wahrnehmung der Welt stellt, um Ihr seine Bedingungen auferlegen zu können – und nicht begreift …
… dass er IST, was er sucht.
Vergibst Du mir, Leben, dass ich Dich mit diesem Irrsinn beschwert habe?
*
Im Lot
Langsam sinkt der Tag zur Nacht,
Dämmerung weht kühlen Athem übers Feld,
Wie von Zauberhand, ganz leis‘ und sacht,
Schwindet mit dem Licht die Welt.
Und seh‘ ich doch, das Aug‘ schon blind,
Hör‘ es, fühl’s als tiefen Sinn,
Dass unverloren wir im Abendwind,
Und bin.
*
Wunderbar
Man könnte es ein Wunder nennen, wenn man wollte. Ein kleines Wunder. Klein, weil es geradezu schüchtern daherkommt, als wolle es mich fragen, ob ich es als Wunder anerkennen wolle. Es gebe auch die Option, es zu übersehen, so klein sei es, „Zufall“ zu ihm zu sagen ginge selbstverständlich ebenfalls durch, kein Problem. Als klopfe es an die Scheibe meiner Wahrnehmung und frage, ob es als es selbst eintreten dürfe oder hinter einer passenden Maske, die mir helfen könne, es abzutun. Es wolle nicht stören. Das auf keinen Fall. Insofern eine kleine, unaufdringliche Begebenheit, die mich entscheiden lässt, wie ich sie ansehen will.
Ich sitze am frühen Morgen, noch nicht ganz wach, in der Muckibude auf dem Trainingsfahrrad neben Klaus, einem Schicksalsgenossen. Während wir, eigentlich noch viel zu müde für solche Betätigungen, versuchen, unsere Muskeln auf Betriebstemperatur zu bringen, beobachten wir durch die Fenster, was sich draußen so tut. Der Straßenverkehr hat wieder deutlich zugenommen, die Ferien gehen in Hamburg langsam zu Ende und die Urlauber kommen wieder zurück.
„Die Meisten sehen eher frustriert aus, wenn sie aus dem Urlaub kommen“, sage ich und Klaus bestätigt diese Beobachtung. „Aber warum nur?“ fragt er und ich komme auf die Idee: „Plötzlich mit der Familie den ganzen Tag zusammen zu sein, geht nicht bei vielen gut“.
Ich überlege, wie das denn bei mir sei und sage: „Also ich freu‘ mich immer, wenn ich mit meiner Frau zusammen sein kann, oder wenn wir getrennt sind und sie wieder auftaucht – und sie kann von mir aus jederzeit und überall auftauchen, wenn du verstehst, was ich meine.“ Er versteht und grinst sich eins, dann zieht er sich etwas zurück aus dem Gespräch, wer weiß, warum.
Unsere Wege trennen sich schließlich und wir arbeiten jeder für sich weiter am Aufbau der Olympiareife.
Meine Gedanken beschäftigen sich dabei mit dem Erlebnis, das ich vor ein paar Tagen hatte, bei dem ich in der Welt der Superreichen einen Moment der Nähe miterleben konnte. Der Text, den ich dazu geschrieben hatte, war nicht vielen positiv aufgefallen, und ich stelle mir die Frage, ob „Geld“ als Symbol so stark sein könne, dass die Vorstellung, ein im Überfluss damit Gesegneter könne ( oder dürfe?) eine Begegnung echter Nähe haben, für die Meisten etwas Unmögliches darstelle.
Da kommt eine ältere Mittrainierende, deren Namen ich nicht einmal kenne und die wohl vorhin gelauscht hat, auf mich zu und flüsternd sagt sie: „Das, was Sie vorhin über Ihre Frau erzählt haben, das fand ich toll!“ Wir reden ein wenig darüber, dann geht sie wieder, dreht sich aber noch mal um, kommt zurück und sagt: „Wissen Sie, das sind die Dinge, die man mit Geld nicht bezahlen kann!“
Hoppla.
Einigermaßen gerührt beende ich mein Training, und als ich zu den Umkleiden will, kommt mir wer entgegen? Meine Frau, die einfach überlegt hat, sie könne mich ja mal abholen. Zum ersten Mal in all den Jahren an diesem Ort.
Und wo ist jetzt das Wunder? Wenn ich’s festhalten will, um es zu zeigen, ist es immer schon weggeflogen, verflixt noch mal!
*
Reichtum
Unverdient find‘ ich mein Glück,
Einfach ist’s, ganz leise, unspektakulär und schlicht:
Mit Dir
Im selben Licht.
*