Autor: Michael

Verpasst

Warf meinen Schatten gedankenlos auf was Du bist,
Und fragte dann nach Deinem Namen,
Doch zum Glück! Du wusstest lächelnd eine List:

Schattenich

Wartetest, bis ich vorbei, und ohne Schattenrahmen
Riefst hinterdrein mir Deinen schönen Namen,
Der leider gänzlich mir entfallen ist.

*

 

 

 

JETZT

Kannst Du staunen wie ein Kind,
Das den Grashalm sich nicht beugen,
Sondern tanzen sieht im Wind?

Kannst Du reden wie ein Weiser,
Worte, die das Licht bezeugen,
Als spräche nur die Stille leiser?

Kannst du lieben wie die Armen,
Die nichts haben als ihr Leben
Und doch im Überfluss Erbarmen?

Bist du einen Augenblick lang nur bereit,
Deine Zukunft hinzugeben
Dem Ende der
Zeit?

*

Alles gut

Sie hat sich einen Moment zu spät entschieden, abzubiegen, erzählt sie mit ernster Miene, dann aber lächelt sie gleich wieder:
Dem Sanitäter, der sie aus dem Auto holt und sie für den Krankenwagen transportfähig macht, fällt – als klar wird, dass sie ansprechbar ist – als Erstes ein: „Wow! So ein Unfall und kein Kratzer im Gesicht!“
„Männer!“ schmunzelt sie genüsslich bei dieser Erinnerung.
Sie ist halbseitig gelähmt. Die Ärzte können nicht operieren, das Risiko ist zu groß. Ein Bluterguss komprimiert das Rückenmark der Halswirbelsäule, und das ist die einzige Hoffnung: dass er sich rechtzeitig auflöst. Dennoch hält es einer der Ärzte für richtig, ihr zu sagen, dass sie nach menschlichem Ermessen nie wieder werde gehen können.
Das belastet sie schwer, sie ist alleinerziehende Mutter eines kleinen Kindes, wie soll das gehen?
Als ihr Söhnchen sie zum ersten Mal besucht, nimmt er seine Mama in den Arm, lacht mit ihr, freut sich einfach nur, sie wiederzusehen. Das gibt ihr den ersten Schubs in die andere Richtung: sie will gesund werden!
Der kleine Mann, der sie jeden Tag besuchen will, sprüht nur so vor Zuversicht, während er bei ihr ist: das wird wieder gut. Zu Hause aber weint er viel. Der Oma vertraut er an: „ich kann nur zu Hause weinen, das darf die Mama nicht wissen, sie muss sich freuen, um gesund zu werden.“
Fünf Jahre ist er jung, und irgendwann besteht er darauf, ganz bei ihr zu sein. Ärzte und Pflegepersonal sehen die Chance. Sie schaffen die Möglichkeit, dass die beiden für zwei Monate in einem Zimmer wohnen können, das sie sich gemütlich einrichten.
Der Junge ist ihre Perspektive, und er spürt das.
Förmlich in letzter Sekunde, bevor das Nervengewebe irreversibel geschädigt wird, lässt der Druck des Blutgerinnsels nach.
Eine kleine Schwäche der Fußhebermuskulatur ist geblieben, sonst nichts. Sie ist wiederhergestellt. Unendliche Dankbarkeit spricht aus ihr, als sie das erzählt.
Doch nicht zu spät abgebogen, denke ich, vielleicht gibt es das gar nicht: ‚zu spät‘.
„Und keine Kratzer im Gesicht!“, lacht sie, und es stimmt: alles gut.

 

*

Viel Harmonie an der Elbe

Heute in der Dämmerung des Morgens hat man den ein oder andern gesehen, wie er mit Unverständnis in den Augen das Eis von den Scheiben seines Wagens gekratzt hat. Und trotz der Kälte zieht der Frühling viele durch die Nacht der Reeperbahn ins erste Licht des Tages, in dem sie sich mit all jenen treffen, die es geschafft haben, ihrem Bett um fünf Uhr oder noch früher zu entkommen, um dem Vorsatz von gestern Abend treu bleiben zu können, heute auf den Fischmarkt zu gehen. Noch oder schon etwas müde, schlendern hier Touristen, Einkäufer, Zuhälter und Partygänger einträchtig  nebeneinander her, während ihnen der kreischende Gesang der Möwen und die derben Sprüche der Marktschreier um die Ohren fliegen und die Reflexionen des aufkommenden Lichtes sie dabei freundlich ins Wachwerden locken.
Die Natur ringsherum hat sich endgültig dem Winterschlaf entrissen, es sprießt und blüht überall. Selbst die Elbphilharmonie  scheint aus ihrer jahrelangen Depression zu erwachen, in die sie Habgier, Klüngel und gnadenlose Unnachgiebigkeit getrieben haben. Inzwischen kostet sie das Zehnfache des anfangs angepeilten Betrages und niemand kann stolz sein auf die Jahre des Krieges zwischen den Beteiligten, die alle ja nur ihre heiligen Interessen vertreten wollten, ein Krieg, der in den Stillstand der Baustelle geführt hat, während nur noch vor Gericht miteinander gesprochen worden ist. Zum Glück hat sich irgendwann der Überdruss am fruchtlosen Streiten eingestellt und der hanseatische Pragmatismus ist zum Retter der Situation geworden. Seitdem läuft alles wie am Schnürchen, hört man – und voller Harmonie.
Und wer eben mal nachschauen möchte, ob er irgendwo noch zehn Millionen Euro herumliegen hat, der könnte sich, falls er fündig würde, die Wohnung ganz oben in der Elbphilharmonie kaufen und von dieser erhabenen Position aus auf den Fischmarkt blicken, wo die Sonne jetzt vom Rand der Welt aus herüberlugt, um ihr strahlendes Lächeln sicher auch dem zu schenken, dem die Harmonie zu viel geworden ist und der die Kohle deswegen in den Taschen der anderen sucht.  Sonntagmorgen in Hamburg.

*

In der Blüte

Sah eine Blüte sich dem Lichte öffnen,
Und über ihr ein Blatt aus jungem Grün,
Das zärtlich ihr ein wenig Schatten gab.

Und hätte gern in diesem Augenblick,
Wenn ich gekonnt, das Säumnis mir verzieh’n,
Dass so ich Dich nie angesehen hab‘

Wie diese beiden:
Im selben Licht einander zugeneigt,
Statt Trennung, Schuld und Schmerz zu leiden.

Und blieb mir doch der Augenblick
Als Trost und lächelndes Geschick.

*