Autor: Michael

Zeitsprung

„Wir waren seelenverwandt!“, die Augen werden ihr ein wenig feucht,  als sie weiterspricht: „Er ist immer so aufmerksam gewesen und hat  mir  gezeigt,  wie gern er mit mir zusammen ist. Und wenn er gehandelt hat“ – hat sie „gehandelt“ gesagt? – „dann hat man gemerkt, dass er bemüht gewesen ist, mir keinen Kummer zu bereiten. “
Sie spricht von ihrem Hund,  den Sie hat einschläfern lassen müssen: „Er hat mich drum gebeten, ich hätt’s sonst nicht geschafft,  aber er hat mich drum gebeten, mit seinen Augen,  ich hab’s aus Liebe getan.“
Erstaunlich: nichts kommt mir schräg vor an ihren Worten, ganz im Gegenteil, ich hör’s fast wie ein Gedicht, das sein Ziel erreicht hat, mir mitzuteilen, was es jenseits der Worte eigentlich sagen will. Ja, ich glaub‘, ich hab‘ dich verstanden, und das „war“ klingt mir jetzt wie Gegenwart: „Wir sind seelenverwandt!“

*

Endlos

Wenn ich sagen sollte, wie die Welt wohl ende,
Ob im Feuer oder unterm Eis,
Wie ich’s drehe, wie ich’s wende,
Ist’s nur dies, wovon ich weiß:

Was auch immer ich im Eis verbrennen,
Was im Feuer ich erstarren sah,
Man könnte mich den Schuld’gen nennen,
Der ich’s der Angst geopfert, es käme mir so nah,

Mir zu zeigen, dass es ewig unverloren,
Und wo sein Anfang sei und wo sein End‘:
Dass freudelodernd es im Geist geboren,
In dem es mich in einem Augenblick bewegungsloser Ruhe
als Seines gleich erkennt.

*

P.S.: Inspiriert zu diesen Zeilen hat mich das Gedicht von Robert Frost: „Fire and Ice“, das der formidablen Maren (https://orteundmenschen.wordpress.com/2016/01/07/burning-like-ice/) einfiel, als ihr am Stadtparksee in Hamburg zwei unglaubliche Fotos gelangen. Besonders die aufs Eis blickende Statue und die Ruhe, die sie ausstrahlt, hatte es mir angetan. Vielen Dank, Maren!

Die Entscheidung

„Gestern hat mich eine Freundin angerufen“, sagt sie leichthin, als ginge es um Alltäglichkeiten, „sie haben bei ihr genau dieselbe Krankheit festgestellt, in demselben Stadium wie bei mir, als ich die Diagnose gestellt bekam – aber sie hat sich für Operation und Chemo entschieden. Ich hab‘ ihr zugeraten, es ist sicher richtig, was sie tut.“
Es schwingt kein Zweifel an ihrer eigenen Entscheidung in ihrer Stimme mit, als sie fortfährt: „Sie hängt am Leben, auf diese sorgenvolle, ängstliche Weise, und sie hat zwei Kinder, da denkt man vielleicht ohnehin anders, sie ist auch etwas jünger, ich bin jetzt fünfundsiebzig.“
Keinem ihrer vielen Freunde vertraut sie sich zunächst an, sie weiß, dass niemand ihren Entschluss mittragen könnte, und sie will niemanden in Bedrängnis bringen. Eine eigene Familie hat sie nicht mehr. Nur mit ihrem Arzt spricht sie. Sie kennen sich schon lange, und ihr Blick senkt sich, ihre Wimpern zittern, als sie sagt: „Wir mögen uns“. Er ist kreuzunglücklich darüber, dass sie ihm nicht erlauben will, ihr zu helfen, weil er wirklich davon überzeugt ist, dass er Erfolg hätte.
Sie aber spürt in sich nur ein großes, helles „Ja!“ zu ihrer Entscheidung und die Bereitschaft, zu sterben, wenn es denn so sein solle. Der Arzt kann sie nicht umstimmen und stellt die düstere Prognose, dass sie ohne Behandlung nur noch wenige Monate zu leben hätte.
Und wirklich geht es ihr ein knappes halbes Jahr später zunehmend schlechter, schließlich kann sie sich nicht mehr selbst versorgen. Der Arzt besorgt ihr voller Kummer einen Platz im Hospiz. Jetzt erst informiert sie ihre Freunde und verabschiedet sich von ihnen. Noch einmal versuchen viele derer, die ihr nahestehen, sie zu einer Behandlung zu bewegen. Es sind aufregende Momente für sie, aber sie bleibt fest. Als sie im Sterbehaus eingezogen ist, überprüft sie zum letzten Mal ihre Entscheidung.
„Da war immer noch dieses „Ja“, wissen Sie, ein „Ja“ ohne Schatten, Sie wissen doch, was ich meine?, das war erst der Augenblick, in dem ich mich endgültig entschieden habe, und glauben Sie mir: ich war unendlich erleichtert danach.“
Von Tag zu Tag geht es ihr besser und als sie weitererzählt, funkeln ihre Augen: „Schließlich hab‘ ich meine sieben Sachen zusammengepackt und bin nach Hause gegangen!“
Der Tumor ist wohl noch da, aber er „belästigt“ sie nicht, wie sie sagt, „ich hab‘ ihn akzeptiert, und wissen Sie, was das Erstaunlichste ist: das Ganze war vor vier Jahren!“

Ihren Fernseher hat sie verschenkt und hört nur noch Radio, will sich selbst ein Bild machen von dem, was sie hört. Und überhaupt: „seitdem“ ist alles ein wenig anders: jede aufblühende Blume, jedes Lachen, jedes freundliche Wort ist wie eine Erinnerung geworden an die einsamste und für sie wichtigste Entscheidung ihres Lebens … und als sie das sagt und mich dabei anschaut, sehe ich in ihren Augen dieses helle „Ja“, und nicht den leisesten Schatten eines Zweifels.

*

Zufall?

Ist es Zufall,
Dass wir uns begegnen,
Vielleicht für eine kleine Weile,
Ein paar Schritte selben Weges,
Einen kurzen Blick gar im Vorübergehen nur?

Was flüstern wir einander zu
Hinter unsren Worten, unsren Gesten, unserm Schweigen …
– Kannst Du mich hören
Hinter meinem Lied der Emotionen
Mal in Moll, dann wieder Dur?

Ist es nur stummer Zufall?
Oder bist Du mir gesandt,
Antwort auf die Frage Dir zu geben,
Ob ich hinter Deiner Maske Dich erkannt …?

*

Ein Frohes Neues Jahr Allen! Das Wort hat für mich eine unglaubliche Kraft: „froh“! Da wollen wir sein, nicht wahr? In Frieden zu sein und froh, das wünsche ich uns Allen!

Michael

Danke

Wenn ich schweige, bist Du meine Stille,
Mach‘ ich viele Worte, bleibst Du ihr Sinn,
Wo ich nur wünsche, ist Dein Wille,
Bist eigentlich, was eigentlich ich bin.

Ich bin Dein Glück, auch wenn ich Dich verfluche,
Deine Freude, noch wenn das Herz mir bricht,
Und wenn ich nur in irren Träumen nach Dir suche,
Du bleibst gewiss, verfehlst mich nicht.

Warum Dir einen Namen geben?
In jedem Grashalm, jeder Wolke bist Du mein Gesicht,
Und allem Leben
Licht

*

Weihnachtsfeier

„Gesund ist das auch nicht!“, sagt er mit einem schwer einzuordnenden Akzent und massiert sich dabei mit zwei Fingern die Schläfe, „ich komm‘ grade von unserer Weihnachtsfeier – das ist auch eine Frage des Alters, bin über fünfzig, kann das einfach nicht mehr so gut wegstecken.“
Dann nimmt er erst mal mit größter Vorsicht einen kleinen Schluck aus dem Pappbecher, den ihm Hanna inzwischen auf den Tresen gestellt hat, Hanna, die schwarze First Lady der Bäckerei, bei der ich mir morgens immer meinen ersten Kaffee besorge.
Gerade hat sie mir noch erzählt, dass die Freundin, die ihr die Haare schneidet, für die neue Frisur vier Stunden gebraucht hat, und jetzt lässt sie ihre Ohren ein ganzes Stück aus dieser beeindruckenden Explosion ihres Kopfschmucks herauswachsen, um mitzukriegen, was da so erzählt wird.
„Und ich muss noch nach Antwerpen, ich bin Belgier, Kapitän, wir laden heute Gefahrgut, da muss ich dabei sein“. Wieder nimmt er behutsam einen Schluck Kaffee, schüttelt den Kopf, als verstünde er die Welt nicht mehr, schaut mich mit reuigem Blick an und sagt: „Nee, Sie, das war nicht gut – wissen Sie, ich bin Buddhist! “
„Macht nichts, kleiner Rückfall!“, sage ich lachend und stecke ihn an damit, und dann glucksen wir noch eine Weile beide in uns hinein, wohl das selbe Bild betrachtend: der Buddhist und die leicht ausufernde Weihnachtsfeier.
Einen Augenblick nur schaut er mich an, ob ich noch bliebe, ob ich verstehen würde, was er mir gleich erzählen will, und dann wird er ernster: „Das war damals während des ersten Golfkriegs, als der iranische Jumbo von den Amerikanern abgeschossen worden ist. Da bin ich auch schon zur See gefahren und bei den Bergungsarbeiten dabeigewesen. Wir haben so viele Leichen aus dem Wasser gezogen! Schließlich sind wir auch noch beschossen worden und ich hab‘ Freunde von mir sterben sehen. Du kommst an den Punkt, wo du nicht mehr denken kannst: ‚Das ist der Wahnsinn der anderen‘, wissen Sie! Ich hab’s mit der Angst zu tun bekommen. Hab‘ dann Urlaub genommen, bin nach Thailand geflogen und in ein Kloster gegangen, hab‘ mich erst mal ein paar Tage nur hingesetzt und meditiert. Um nicht … um nicht …“ „verrückt zu werden“, sage ich und er nickt: „Ja, um nicht verrückt zu werden.“
Hanna hat uns inzwischen zwei weitere Kaffee spendiert und auf den Tresen gestellt, und es gibt eine kleine Pause, in der sich der Belgier sammelt und noch einmal ganz zurückgeht in die Zeit damals. „Ich bin dann Buddhist geworden“, sagt er schließlich, „also richtig eingeweiht und für eine Weile als Mönch in das Kloster aufgenommen worden. Ohne Schuhe, in ganz einfachen Gewändern sind wir jeden Tag auf die Straße gegangen und haben die Menschen um etwas zu essen gebeten, das war ein wichtiger Teil unserer religiösen Übung. Und wissen Sie was, das hat mich gerettet, irgendwann hat sich wieder das Gefühl in mir durchgesetzt, dass immer alles da ist, was man braucht, dass die Willkür und der Wahnsinn nur Episoden sind, Blindheiten, die nichts an dieser Tatsache ändern: es ist gesorgt für uns. Verstehen Sie?“
Anstatt zu antworten, schau‘ ich ihn nur an, und Hanna drückt, wie um sich dem störenden Anblick von Geld zu entziehen, ihre Kasse zu. Und ich will der Weihnachtsmann sein, wenn da nicht der Buddha zwischen uns gelächelt hätte.

*

Kerzenlicht

Es gibt so viele Gründe, zu misstrauen,
Sprichst Du mit mir?
Du zettelst Kriege an, unfassbares Grauen,
Du täuschst Dich nur, ich traue Dir!

Du tust nichts gegen Hunger in der Welt,
Du bist es selbst, der Dich verletzt!
Für Dich gilt nur Dein Vorteil und Dein Geld.
Ich BIN mit Dir in Einem Raum, und dieser Raum ist JETZT!

Vorbei die schönen Kindertage!
Gib‘  Deinen Zweifel aus der Hand!
Kaum, dass ich noch den Ausblick in die Zukunft wage!
Du bist nur blind dafür, dass Du zu lieben hergesandt.

Und am Ende bleibt nur Staub!
Was sagst Du da? Ich fass‘ es nicht!
Das ist, was ich versteh‘, woran ich glaub‘!
Am Ende bleibt Dein LICHT!

… Es wird ganz still, noch kurze Zeit die Kerze brennt,
Hast Du mich doch gehört?
Ein Augenblick, der mich vom Schlaf noch trennt …
Kein Traum hat UNSREN FRIEDEN je zerstört!

*

Circulum circulorum

Advent, Advent,
Ein Lichtlein brennt,
Erst eins,
Dann zwei,
Dann drei, dann vier,
Dann fünf …
… Dann sind die Lichtlein schon zu sechst!
Irgendwie verhext!

Und jedesmal gibt’s mehr Geschenke,
Bei Lichtlein neunzehn eine Urlaubsreise,
Auf dass die Sehnsucht sich ins  Materielle lenke
– Jetzt nur mal beispielsweise.

Zufriedenheit wächst maximal,
Die Wirtschaft lächelt mild und boomt,
Was will ich mehr?, fragt Paul, der digital
Sich Lichtlein zwölfunddreißig näherzoomt.

Und endlich ist es dann soweit!
Die Glocken läuten,  heilig funkelt das Gestirn,
Oh fröhliche, du Weihnachtszeit,
Die Wangen rot vom neuen  Flachbildschirm.

Advent, Advent,
Ein Lichtlein  brennt,
So innig und alleine,
Vertrau‘, dass es den Ausweg kennt,
Und auf die Heimat meiner Sehnsucht scheine.

*