Autor: Michael
Unverschlossen
Wer in der Großstadt lebt, kennt die Szene: er nähert sich mit seinem gerade für viel Geld in einer Waschanlage gesäuberten Auto einer ampelgeregelten Kreuzung, muss bei Rot halten, und wird von einem dort wartenden Mitmenschen freundlich gefragt, ob er die Windschutzscheibe des Wagens putzen dürfe. Die Frage wird meist so gestellt, und so ist es auch jetzt, dass dem Fahrer, also in diesem Falle mir, schon aus größerer Distanz ein professioneller Scheibenabzieher hin – und herfragend entgegengehalten wird, aus dessen Schwammseite lustig das Seifenwasser tropft.
Ich muss zugeben, dass ich zumeist ablehnend auf diese Frage reagiere, und zwar, wenn ich ehrlich bin, aus der Erfahrung dessen heraus, wie in aller Regel mit meinem „Nein“ umgegangen wird: es hat, und so ist es auch diesmal, keinerlei Konsequenz, man kommt auf mein Abwinken hin weiter fragend und wedelnd auf mich zu. Diesmal ist es eine junge Frau, hübsch und in einem farbenfrohen Kleid, die mich im Näherkommen unter ihrem Kopftuch her nett anlächelt, wenn auch, so empfinde ich es, aus einem vollkommen verschlossenen Gesicht heraus. Ich wiederhole mein „Nein“ und bewirke wieder nichts, sie kommt weiter auf mich zu. ‚Jetzt malt sie mir gleich ein Herz auf die Scheibe‘, denke ich und da ist sie schon da und malt mir ein Herz auf die Scheibe. ‚Dazu kannst du ja gar nicht „Nein“ sagen‘, heißt das Herz, wie oft hab‘ ich das schon so erlebt! Man fühlt sich, gelinde gesagt, überrollt. Nein ist nein, oder? Mein Wagen ist frisch gewaschen! War das jetzt eine Frage oder soll ich hier irgendwie gezwungen werden? Solche Gedanken.
Was soll ich sagen. Das Herz, es ist, als sei es nicht außen, sondern innen auf die Scheibe gemalt mit seinen leise platzenden Seifenbläschen. Diesmal hat das Herz tatsächlich recht: ich kann einfach nicht „Nein“ zu ihm sagen. Unmöglich. Ich lasse die Seitenscheibe herunter und gebe einen Euro in ein ganz und gar unverschlossenes Lächeln hinein.
Was danach kommt, ist allerdings ganz anders: sofort sind vier, fünf andere Frauen da, die mir ihre Hände entgegenstrecken, sogar durch das Fenster hindurchlangen, und ich sehe, wie sie untereinander auf meine Geldbörse deuten, die auf dem Beifahrersitz liegt. Das Gefühl, das ich dabei bekomme, ist mir in dieser Form absolut neu: so distanzlos und sozusagen an mir vorbei gierig auf Geld schauend habe ich tatsächlich Menschen in einer direkten Begegnung noch nie erlebt.
Es fröstelt mich. Ich muss los, es ist Grün, ich schließe das Fenster.
Einen Moment lang bin ich wirklich traurig: so schön das eine, so deprimierend das andere Erlebnis. Aber dann denke ich: Verschlossenheit und ihre Ausdrucksweisen dem gegenüber, dem der Ausschluss gilt, ist die Krankheit unseres Geistes, und das ist wahr für uns alle, auch für mich!, sie ist nicht nur eure spezielle Unart. Dieser eine unverschlossene Moment hat uns doch beide geheilt: dich und mich, das ist doch, was zählt!
Und also weiter!
*
Abgehoben
Kalle springt vom Dache,
Das Fliegen – sagt er noch in Kürze –
sei ab heute seine Sache!
Wo er seit grade neulich erst in Rente,
Und er die Wege, die sich hier zu Fuß erwandern ließen,
alle kennte,
Sei nun der Menschheit Traum, das Fliegen,
Für ihn der sich’re Weg, des Lebens Schwerkraft zu besiegen,
Und aufzuschwingen sich in freie Lüfte,
Wär‘ sicherlich auch gut für seine Hüfte.
Wir sehen ihn schon segeln, die Arme flattern wild:
Kein Aufwind hilft ihm hier, dazu säuselt es
entschieden viel zu mild.
Doch giltet nicht, zu früh zu unken,
Der Kalle, durchaus mittelschwer betrunken,
scheint dennoch leicht an Höhe zu gewinnen,
Das heißt, man hofft es eher, ganz tief drinnen,
Denn – zugegeben – zweifelt man auch sehr:
Für diesen Flug, mein lieber Kalle, vermutlich
bist Du doch zu schwer!
Die Erde hat ihn wieder, viel eher als geplant,
Das hat man ja – wie soll man sagen – auch vorher
schon geahnt!
Doch hängt an seinem Traum ein Jeder, ach!
Und auch der Kalle steht schon wieder: auf dem Hundehüttendach!
*
Ganz groß!
Ein Riese! Er steht mir gegenüber an der Fußgängerampel und wartet wie ich auf das erlösende „Grün“. Seine weit geschnittenen Hosen und das ebenso weite Gewand, das ihm bis an die Knie reicht, passen in ihrem warmen Ockerton geradezu magisch zu seiner braun-schwarzen Haut. ‚Wer hat sich eigentlich diese Ungerechtigkeit ausgedacht, nur Afrikaner mit solchen Körpern auszustatten?‘, denke ich, und da wird es „Grün“.
Wir wollen gerade losgehen, als ein Auto viel zu schnell um die Ecke biegt, ohne erkennbare Anstalten zu machen, abzubremsen, was den Riesen zwingt, seinerseits stehenzubleiben.
Erst im allerletzten Moment hält der Fahrer seinen Wagen dann doch noch an, wie einer störenden, aber nicht mehr zu leugnenden Notwendigkeit folgend, und blickt vollkommen emotionslos wirkend hinter seiner Windschutzscheibe her in das Gesicht desjenigen, der jetzt unmittelbar vor seinem Wagen steht.
Ich fürchte schon, gleich Zeuge einer unschönen Szene werden zu müssen, aber nichts davon:
Statt den Fahrer anzuklagen, breitet der Riese seine Arme weit aus (was ihn nicht gerade kleiner wirken lässt!) und hebt sie mit den Handflächen nach oben bis über den Kopf, den er dabei in den Nacken legt, so, als wolle er den Himmel auffordern, wieder Vernunft über den Raser zu bringen.
Eine unglaubliche Geste! Vollkommen unaggressiv, nur kurz und angedeutet, und doch so sprechend und überzeugend, wie es keine noch so souveräne Rede jemals hätte sein können.
Und: so entwaffnend einfach und natürlich, dass wir uns alle Drei – auch der von der Szene wie aufgetaute Autofahrer – herzlich anlachen, als wir jetzt aneinander vorbeigehen bzw. -fahren, beglückt von dieser herrlich gelungenen, friedlichen Kommunikation.
Himmlisch!
*
Dahinter
Hinter allem Lärm
Gehetzter Wichtigkeiten, ewig in Konflikt,
Den sorgenvollen traumgenährten Bildern,
Wo heillos zwischen Wunsch und Wirklichkeit verstrickt
Du Deine Ruhe suchst zu wahren,
Und ist doch eine Mitte Dir zu finden nie gelungen,
Hinter all dem Lärm
Wird Dir, gleich ob Du zuhörst oder nicht,
ein Lied von Ihr gesungen.
Und einmal wirst Du still,
Durch Streit, Konflikt und Lärm hindurch Ihr zu
Dein Ohr Du neigst,
Und alle Bilder sammeln sich befreit von Deinem Zwang
um ihren Quell,
Und horchst, und siehst, und schweigst.
*
So ’ne Kacke!
Es regnet, es gießt wie aus Kannen, es schüttet wie aus Eimern. Ich teile den kleinen Unterstand einer Bushaltestelle mit einer Familie: Sie, Er und Es. Sie und Er so Mitte dreißig, Es, ein Knabe, so Mitte drei, ungefähr drei Käse hoch und grazil wie eine Elfe. Sie unterhalten sich lebhaft, d.h. hauptsächlich beantworten Sie und Er natürlich die zahlreichen Fragen von Es. Ich bin, was den Inhalt des teilweise lautstarken Gesprächs angeht, auf die Deutung der kunstvoll lautmalerisch eingesetzten Tonfälle, der die Worte ausführlich unterstreichenden Mimik und der stellenweise geradezu theatralisch ausgeführten Gestik der Beteiligten angewiesen, da das Ganze in einer Sprache stattfindet, die ich zwar gerade noch als Portugiesisch identifizieren, der ich aber keinerlei Impulse abgewinnen kann, die in mir irgendwelche Sinnzusammenhänge helfen würden herzustellen: ich verstehe kein Wort!
Trotzdem genieße ich es, diesen Tanz der Kommunikation anzuschauen, und es vermittelt sich mir das herzliche Miteinander der Dreie, die Freude der Eltern über alles, was von ihrem Kind kommt und dessen Vertrauen, mit all seinen Einfällen nur auf Freundlichkeit zu stoßen.
Das waren Zeiten!, denke ich vergnügt und will auch schon gehen, da der Regen nachlässt.
Da baut sich der Kleine unmittelbar vor mir auf – er geht mir nur knapp über die Knie – legt seinen Kopf in den Nacken und schaut mich mit riesigen, kreisrunden Augen an, so als wolle er fragen, ob ich an einer Kontaktaufnahme mit ihm interessiert sei. Entzückt nicke ich ihm aufmunternd zu, und da blickt er kurz nach unten, deutet mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger auf die beachtlich voluminöse Hinterlassenschaft eines Vogels zu unseren Füßen und spricht, indem er mich wieder anblickt – diesmal mit dem Ausdruck eines gestrengen Lehrers – das wahrscheinlich einzige Wort auf Portugiesisch aus, das ich sofort und ohne die Hilfe eines Wörterbuches verstehen kann: „Kagga“! ( Ich hoffe jedenfalls, dass es ein echtes portugiesisches Wort ist und nicht nur ein allgemeines Kinderwort, denn sonst wäre mein Traum, mit dem heutigen Tag das Erlernen der portugiesischen Sprache begonnen zu haben, tatsächlich nur ein Traum!)
Unbeschreiblich, diese Art von Freude in solchen Momenten! Bei der Mutter sind ebenfalls alle Türen aufgegangen, sie lacht und freut sich einfach mit, während ich artig das Wort wiederhole: „Kagga!“.
Nur der Vater ist wie im Reflex einen Schritt zurückgetreten und hat sich von mir weggedreht, zeigt mir stolz die kalte Schulter: „das ist mein Sohn!“
Er hat ja recht, aber ein bisschen hat er auch unrecht.
*
Liebe
Hab‘ mein Herz in Deine Hand gegeben,
Soll es schlagen, wie immer Du es willst,
Sag‘ mir, was dies sei: mein Leben,
Weil nur Du den Hunger meiner Seele stillst.
Hab‘ mein Herz Dir in die Hand vertraut,
Jede Sorge zeigt sich und vergeht,
Auf neuem Fundament mein Haus gebaut,
Und Freude ist’s, die alle Angst mir still verweht …
*
Trompetensolo
Er hat es nicht leicht gehabt bisher. Fredi. Aufgewachsen als jüngster Spross einer wohlhabenden Großfamilie und in herzlicher Atmosphäre, hat er doch nie so recht Boden unter den Füßen gespürt.
Vielleicht sind schon zu viele Räume möglicher Identifikation von seinen sechs größeren Geschwistern besetzt gewesen, als er hier angekommen ist, vielleicht hat er es einfach als sein Lebensrätsel mitgebracht: jedenfalls findet er keinen Ort, an dem er sich zuverlässig erkennt und sagen könnte: „Hier, das bin ich.“ Seine große Zartheit spielt gewiss eine wichtige Rolle dabei.
Er ist nicht wirklich schüchtern, was die anderen können, das kann er auch! Aber wenn er nach vorne tritt, um sich zu zeigen, tut er das als Clown, als Störer, als Normverweigerer, nie als er selbst.
In der Schule bleibt er deswegen hinter den anderen zurück, wenn ihm etwas gelingt, erträgt er kein pures Lob, eine Mischung aus Tadel und Lob geht so grade, da hört er zu und prüft, ob er gemeint sein könnte. Die meisten seiner Lehrerinnen bringt er zur Verzweiflung, die geringste Aufgesetztheit ihres Verhaltens, die leiseste Auslenkung aus der Mitte ihrer Authentizität spürt er sofort und beantwortet sie mit Verweigerung.
Frau Apertus ist seine Klassenlehrerin. Im Laufe des zweiten Schuljahres begreift sie ihn. Sie verzichtet auf alle Versuche, sein Verhalten durch äußere Maßnahmen zu korrigieren und nimmt statt dessen Kontakt mit ihm auf. Ganz langsam gehen sie aufeinander zu, es gibt lange Phasen des Stillstands. Aber manchmal empfindet er jetzt Freude an seinen Leistungen.
Da fasst die Lehrerin einen Plan. Sie unterstützt die Eltern in ihrem Vorhaben, ihn Trompetenunterricht nehmen zu lassen, was er sich gewünscht hat. Und verspricht ihm, einmal in der Woche auf der Orgelempore der zur Schule gehörigen Kirche mit ihm das „Trumpet Voluntary“ von Henry Purcell zu üben, mit dem Ziel, es gemeinsam beim Abschlussgottesdienst am Ende der vierten Klasse vor den versammelten Schülern, Eltern und Lehrern aufzuführen.
Er stimmt zu. Das ist alles noch sehr weit weg, kein Risiko. Mitte des vierten Schuljahres aber gibt er auf. All die Leute, er will das nicht. Die Lehrerin weiß, dass Druck ihn nur weiter in die Verweigerung führen würde. Sie lassen den Plan fallen. Die Lehrerin weiß aber auch, wie wichtig ein solcher Auftritt für ihn sein könnte, bewahrt den Gedanken und hat einen Plan B. Genau zwei Tage vor dem Abschlussgottesdienst spricht sie ihn an:
„Hey Fredi, wir wollten ja mal zum Schulabschluss gemeinsam was aufführen, hättest du noch Lust, wie wär’s mit einem Überraschungscoup, wir sagen niemandem was und spielen einfach?“
Er lässt sich tatsächlich von der Idee begeistern, bekommt dann aber Zweifel: „Frau Apertus, ich kann aber das Stück nur zur Hälfte! “
„Wunderbar“, gibt ihm die Lehrerin zurück, „dann spielen wir diese Hälfte, und dann dieselbe Hälfte einfach nochmal, dann haben wir auch ein ganzes Stück! “
Überraschubgscoup mit zwei Klebehälften, das spricht seine Sprache, er stimmt erneut zu.
Als es endlich soweit ist, sie sind die Treppe zur Orgelempore hinaufgestiegen, die Lehrerin will gerade die Klinke zur Emporentür hinunterdrücken, da knickt er doch wieder ein: „Ich mach’s nicht“, sagt er nur tonlos und hat sich schon umgedreht, um die Treppe rasch wieder hinunterzulaufen, da sieht er die Hände der Lehrerin:
„Frau Apertus, du zitterst ja!“, sagt er fassungslos, „hast du auch Angst?“
„Angst, ich?“ antwortet die Lehrerin, und da weiß sie: jetzt hat sie gewonnen, Plan B geht auf: „Natürlich hab‘ ich Angst, was glaubst du denn? Richtig gut geübt haben wir nicht, stimmt’s? Vielleicht werde ich mich verspielen. Aber hör‘ mal: das ist ganz normal, jeder, der einen richtigen Auftritt hat, hat Angst!“
Fasziniert schaut er sie an und sie erwischt den einen Moment:
„Und, was ist jetzt, gehen wir rein?“
„Wir gehen rein“, sagt er ganz ruhig, als habe er ihr gesagt: „Das ist ganz normal“.
Und dann spielt er sein Stück. Sie hat sofort, nachdem sie die Empore betreten haben, die Orgel bereit gemacht, er hat seine Trompete ausgepackt und schon ist das Zeichen von ihr gekommen: Los!
Und er tritt vor, geht einfach diesen einen unmöglichen Schritt über den Abgrund, für den er noch keine Worte hat, den er aber, hätte er welche, wohl „Todesangst“ nennen würde, geht über ihn hinweg und findet an demselben Ort, den er sonst so fürchtet, nur eine freundliche, ruhige Kraft, die keinen Zweifel an ihm hat. Da spürt er zum ersten Mal in seinem Leben etwas, das er nicht mehr für möglich hat halten können: „Hier, das bin ich!“
Ganz klar, ruhig und schön spielt er und unendlich zart.
Seine Eltern unten in der Kirchenbank fließen über vor Glück, als sie ihn spielen hören und der Applaus der Zuhörer ist lang und anhaltend.
Langsam setzt er die Trompete ab und packt sie schließlich wieder in den Koffer.
„Du, Frau Apertus?“
„Hm?“
„Meinst du, ich soll die Trompete jetzt mit runter in die Kirche nehmen?
„Na klar mein‘ ich das, Fredi!“
„Aber da sehen doch die Leute, dass ich es war, der gespielt hat!“
„Das sollen sie auch, Fredi, das sollen sie auch sehen!“
*
Linkskurve
Ich weiß nicht, wie die das immer wieder hinkriegen! Da sind anscheinend schon längst neue Gene entstanden, auf denen solche Fähigkeiten angelegt sind, über die ich leider nicht verfüge.
Dieser da z.B., er steht in neuzeitlicher, man kann auch schon sagen klassischer Haltung an der Fußgängerampel und wartet auf Grün:
Generation 30+, kleine Lederumhängetasche, riesige chromfarbene Kopfhörer auf den Ohren und den Blick mit der gesammelten Konzentration desjenigen, der gerade die entscheidenden Weichen seines Tagesablaufs stellt, auf die Tastatur des Smartphons gerichtet, die er zweihändig oder besser zweidäumig bedient.
So, Grün! Das kann er natürlich gar nicht sehen, dazu müsste er ja erst mal den Kopf heben, was er nicht tut, er hat seinen Text schließlich noch nicht zu Ende geschrieben. Nein, seine Orientierung ist ganz anders und viel intelligenter programmiert: er wartet auf das Geräusch bremsender Wagen, die bei Rot halten müssen, schaut erst jetzt für den Bruchteil einer Sekunde nach oben, sieht sein Grün und geht los. Sehr ressourcensparendes Vorgehen, Respekt!
Ich bin ja jetzt mal gespannt … oh, da blickt er tatsächlich ein zweites Mal kurz nach oben … also ich bin gespannt, wie die nächsten fünfzehn Sekunden verlaufen werden, weil ich da ein kleines Problem auf unseren Wandersmann zukommen sehe: hält er nämlich seine Richtung ungebremst bei, wird er unweigerlich nach Überquerung des gegenüberliegenden Fußweges eine Böschung hinabkippen, die hier steil zu einer parkähnlichen Anlage hin abfällt.
Aber das ist wieder typisch für mich: ich unterschätze permanent die Fähigkeiten dieser Leute! Er hat natürlich bei der zweiten Live-Schaltung ins Hier und Jetzt das Umfeld sorgsam auf die für seinen Fortgang wesentlichen Details hin gescannt und beginnt in Höhe der jenseitigen Fußgängerampel – ohne noch einmal aufzuschauen – mit einer Linkskurve, derweil die Wagen in seinem Rücken mit vor Unmut über die störende Wartezeit quietschenden Reifen wieder Fahrt aufnehmen. Was er nicht zu bemerken scheint. Ah ja, natürlich: auch vielleicht gar nicht bemerken kann, wegen der Musik auf seinen Ohren!
Ich muss sagen, ich bin nicht ganz frei von heimlichen Sympathiegefühlen mit diesen Quietschern. Ich meine, warten zu müssen wegen eines einzelnen Fußgängers, der darüber hinaus auch noch später losgeht, als er hätte können, und an irgendwen, der nicht Ich bin, wichtige Mitteilungen schreibt und mich also nicht einmal bemerkt und sich nicht wenigstens bedankt, dass ich … ach was, egal, nur los jetzt und: schon quietscht es, ist doch so! Aber das nur nebenbei.
Diese Linkskurve, die ist bemerkenswert: Er geht nicht einfach nach links, oh nein! Wir sehen hier staunend das Ergebnis der in einer seiner gewiss überdurchschnittlich gut entwickelten Hirnregionen angestellten exakten Berechnung: mit der Präzision einer Maschine dreht er sich um neunzig Grad nach links, kommt genau in der Mitte des Gehweges mit einer formschönen Kurve zu Ende und setzt den Weg weiter geradeaus fort, Böschung und Straße begleiten ihn als exakte Parallelen, während er weiterhin schreibt und schreibt und schreibt.
Und wenn ihm gerade jetzt die Frau seines Lebens begegnen würde?, denke ich, das würde er gar nicht bemerken! Aber andererseits: vielleicht schreibt er ihr ja gerade eine Mail! Wer weiß.
Jetzt hab‘ ich mein Grün verpasst. Aber das war es wert.
*