Autor: Michael

Unverlorenheit

Du schienst verloren,
Mir aus dem Sinn,
Kaum noch erinnerlich,
Dass ich Dir je begegnet bin.

Siehst mich nur an,
Nach all der langen Zeit,
Als seien wir für diesen Augenblick
Erst jetzt und endlich nun bereit.

Was Dir gescheh’n,
Ich ahn‘ es, weiß es nicht,
Was immer Dich vertrieb,
Verhüllt sein Angesicht
Vor einem kleinen Funken
Unverlor’nem Licht,
Als sei die Zeit und alle ihre Fragen,
Als sei’n sie nicht.

Hast Du’s geseh’n?
Fragt zaudernd Dich mein Blick,
Ein Zweifel zwischen uns,
Und Du weichst dennoch nicht zurück.

Was ist Begegnung?
Wozu sind wir hier?
Unverloren uns zu finden
Hinter weltversperrter ewig off’ner Tür.

*

Wartezimmer

Die Luft zum Schneiden,
Athmen, so unauffällig, wie man kann,
Blicke suchen andere zu meiden,
Warten, warten, warten bis man dran.

Überall wahrscheinlich Keime,
In gefährlicher Mission,
Weit entfernt vom Nachbarn ganz alleine,
Eine Stunde oder länger schon.

Mit einem kleinen Lächeln ein Gedanke,
Wo kommt er her, wo will er hin?,
Durchdringt er jede selbsterdachte Schranke:
„Wie gut, dass ich von Dir noch anzustecken bin!“

*

Keks zum Kaffee?

In dem kleinen Café nebenan,
Da sitzen Zweie wichtig,
Wissen ganz genau, wie’s gut und auch noch
besser werden kann,
Und machen ohne Zweifel schon seit Kindheitstagen gewohnheitsmäßig alles richtig.

Kurieren eben mal die Welt,
Sind Männer großer Worte,
Verdienen oder sagen wir mal besser haben jede Menge Geld,
Und vertilgen jetzt bereits das zweite Stück von dieser leck’ren Himbeerbiskuitsahnetorte.

Der Kaffee jedoch ist viel zu stark,
Den Service kennt man schneller,
Bei Schmidt’s Café von gegenüber ist die Deko nicht so karg,
Und überhaupt, da gibt’s den Gratiskeks auf jedem Kaffeetassenunterteller.

Elke hat’s indes nicht eilig,
Sie bedient sonst wirklich gern,
Der Kaffee wird nächstens wieder milder, sie schwört’s
hoch und heilig,
Und beißt quietschvergnügt in beide Kekse, während
ungeduldig nach ihr winken zweie Herrn.

*

Trompetensolo

Lang‘ noch vor dem ersten Ton,
Ewigkeiten lang‘,
All die schweigenden Gesichter warten schon,
Kommt der Zweifel, und Dir wird eigenartig bang.

Hundertfach ist’s Dir gelungen,
So vertraut ist Dir das Stück,
Hast es leicht und mühelos gesungen,
Eins mit der Trompete, Deinem Inbegriff von Glück.

Heut‘ jedoch füllt Angst den Raum
Zwischen Dir und dem Gefährten,
Was, wenn unser Glück wär‘ nur ein Traum,
Was, wenn all die Leute unser’n Ton nicht hörten?

Da fühlst Du Deine Hände ohne Leben,
Die Trompete kalt, ein fremdes, totes Ding,
Doch spürst durch das Metall ein bittendes Erbeben:
„Steh‘ auf, steh‘ auf, mein Freund, und sing‘!“

Niemandes Kind, niemandes Sohn,
Erinnerst Du den lichten Raum ohn‘ Angst und Zorn,
Und immer lang‘ noch vor dem ersten Ton,
Weißt, was Dich hören wird, und machst den einen Schritt nach vorn.

*