Autor: Michael
Ganz formlos!
Formlos, unbegrenzt und ohne Zeit,
Sind wir nur liebevoller Geist,
als Eins einander ewig urvertraut …
Ist es das, wovon Du sagen möchtest: ja, Du weißt?
Du weißt vielmehr von Formen und von Grenzen,
Und wie sie aufeinander zu bezieh’n,
Um zu sehen, was Du sehen willst,
Hast Du das Licht Dir nur geliehen
Von seiner Quelle,
In der wir jenseits allen Wissens Eins noch sind:
Der Mutter Sohn, des Vaters Tochter,
Und doch ganz eigentlich der Liebe Kind.
*
Mauerfall
Als die Mauer fiel,
Unverhofft, man könnte sagen: einfach so …
War plötzlich dieses Niemandsland …
Kannst Du mir sagen: wo?
War doch gerade noch so wichtig,
Diese Zone zwischen Dir und mir
Auf der sie Stein auf Stein die Angst gebaut,
Jetzt steh’n wir da und sagen „Wir“.
Als die Mauer fiel,
Bedingungslos, da Menschen dies nur wollten,
Sah’n wir eben diese Todeszone
Als Trugbild ohne eigene Kraft – was wir bedenken sollten.
*
Offenes Gebet
Hirnblutung, Notoperation, Intensivstation, Koma …. da hat es Dich ja aus vollem Lauf erwischt, lieber Onkel Heinz! Gerade bist Du noch in Deinem Garten, gemeinsam mit Deiner Frau, den schönen Herbsttag zu genießen, und dann plötzlich diese Schwäche, das Blutdruckgerät fällt Dir aus der Hand, Rettungswagen, Krankenhaus. Und jetzt?
Jetzt stehst Du – ganz allein, so flüstert es ein dunkles Fürchten – ganz allein, ohne Begleiter, ohne die seit fast achtzig Jahren gewohnte Sicherheit, dass die Welt Dich schon irgendwie halten wird, in totaler Ungewissheit stehst Du allein …
… vor dieser Tür, die wir alle aus unseren bangen Träumen zu kennen glauben, und auf die es nur eine richtige Antwort zu geben scheint: sie zu fliehen, zu meiden, ihr möglichst fernzubleiben,
stehst allein vor dieser Tür, durch die es aus dem Leben hinauszugehen scheint, hinter der wir das vermuten, was wir am meisten fürchten.
Natürlich versuchen wir nach Kräften, Dich eben nicht alleinzulassen, aber unsere Begleitung hält sich erst einmal auf Distanz, so ganz nah ran wollen wir nicht.
Wir hoffen, bangen mit Dir, es ist ja noch nichts entschieden, es wird ja vielleicht doch noch alles gut! Oder zumindest erträglich. Reflexhaft erstellen wir eine Liste der Möglichkeiten, wie ein Leben nach dem Koma aussehen könnte, zwischen ganz gut bis sehr schlimm spannt sie sich auf und wir zeigen aufs Mittelfeld: das ginge doch!
Und da halten sich unsere Gespräche lange auf, bis in die Nacht, so viele Anrufe, die ganze Verwandtschaft, und immer wieder der Hergang, dann die Liste und das Prinzip Hoffnung. Und zunehmend spüren wir deren tiefe Trostlosigkeit.
Die Trostlosigkeit der Hoffnung. Wir müssen ja hoffen, wir können erst mal nicht anders, und wir stören uns nicht dabei, unterbrechen nicht unsere Hoffnungsworte, verstehen einander. Und dennoch bleibt eine Träne abgrundtiefen Unglücks: Wir lassen Dich diesen Schritt direkt vor die Tür, bis ganz nah hin, wo sie als Unausweichlichkeit gesehen wird, allein tun.
Auch dafür haben wir Verständnis, und eine andere Liste wird hochgehalten: die Zeitliste: Du bist schon alt, es ist jetzt Dein Schritt, den so viele vor Dir irgendwann haben tun müssen, und auch jeder von uns – und dieser Gedanke scheint uns für einen Augenblick ein starker Trost – wird diesen Schritt einst tun müssen. Solidarität.
Aber auch dieser Gedanke tröstet nicht dauerhaft, ist nur eine kurze, flüchtige Beruhigung, wir nehmen ihn mit in die Nacht, und träumen den Traum derer, die den Schritt noch nicht tun müssen. Den letztlich vergeblichen Traum, den Traum einer Hoffnung, die selbst sterben muss.
Am Morgen sind wir hart zueinander, abweisend, die Träne ist geblieben: Ich tröste mich nur selbst, ich lass‘ Dich allein!
Und dann steh’n wir plötzlich mit Dir da, an eben dieser so ängstlich gemiedenen Tür. Und reden nicht mehr. Schweigen mit Dir einen Augenblick, der ohne Hoffnung ist, doch niemals warst Du uns so nah.
Unendliche Ruhe, die keine Hoffnung braucht, weil in ihr nur Leben ist, nicht Tod, die keine Worte braucht, weil in ihr alles gesagt ist, die keine Listen mehr erstellt, weil in ihr jede Gleichung bereits aufgegangen ist.
Zögernd kehren wir zurück, in den Alltag, banal scheint alles im ersten Moment, und der Gedanke an Dich wird wieder eingefangen von den Bildern der Intensivstation, mit all den Schläuchen und piepsenden Apparaten, die wieder den Hoffnungsrahmen vorgeben, abwägende Gedanken, einteilende, urteilende, berechnende Gedanken bestimmen wieder die Wahrnehmung, die keine Tür kennen will, durch welche sie selbst verlassen werden soll, am Ende.
Welches Ende? Ist es vielleicht einfach nur das Ende einer unvollständigen Wahrnehmung zugunsten einer Wahrheit, die kein Ende kennt?
Eingefangen wieder die Gedanken, aber heller geworden ist Dein Anblick vor unserem inneren Auge, irgendwie heller.
Und ein Ahnen ist da, nein, es ist schon mehr als nur ein Ahnen, dass Du auch jetzt, da wir gemütlich beim Frühstück sitzen und uns auf den Tag vorbereiten, jeder auf den seinen, dass du auch jetzt nicht allein bist.
Wir haben Dich gesehen dort, und wir haben die Hoffnung für einen Moment mit einem Lächeln aufgeben können.
Danke, Heinz! Und nur wenn du willst, wir würden uns alle freuen, dann komm‘ doch noch mal zurück zu uns, den Hoffenden!
*
Traumes Ausgang
Verzagt sitzt Du mir gegenüber,
Eingesunken aller Mut,
Glaub‘ mir, glaub‘ es Deinem Bruder,
Als schaut‘ ich in den Spiegel: dies Gesicht,
ich kenn‘ es nur zu gut!
Noch in den hellsten, schönsten Träumen,
War auch immer Dunkelheit,
Wegzuleugnen war sie, nie zu heilen,
Düst’rer Ort, wo ich kein Licht entzünden konnte, allein nicht, nicht zu zweit.
Bis endlich dieses Dunkel mich umschloss,
Als hätt‘ das Licht ich nur erfunden,
Einzig blieb der Weg aus allem Traum hinaus,
Um an der Wahrheit selbst, an dem,
was nicht von mir gemacht, zu heilen, zu gesunden:
Du, mein liebes, zartes Gegenüber,
Du gingst mir niemals gänzlich aus dem Sinn,
War alles Dunkel doch allein die Frage,
Ob die Liebe sei zerbrechlich, und ob es wahr, so wie mein Innerstes es will: dass ich Dein Bruder bin.
Komm‘, lass‘ uns geh’n,
Lass‘ Deinen Athem frei und lass‘ ihn
mit dem meinen in die Weite,
Glaub‘ es, glaub’s mir, Deinem Bruder:
Was nur vergessen, ist erinnert, und wankt nicht, bricht nicht, geht uns – sei gewiss – geht uns niemals von der Seite.
*
Aller Fragen Antwort
Entzückenderweise hat mich die bezaubernde Findesatz-Bloggerin Marion ( http://mbeyersreuber.wordpress.com ) zu zehn anderen Bloggern hinzugezählt, die sie gerne hin und wieder mit ihrer Anwesenheit erfreut. Wir sind also elf, die das gleiche Schicksal teilen, ebenso viele von ihr gestellte Fragen beantworten zu müssen/dürfen/können/wollen/sollen. Je nach Sichtweise, die frei wählbar ist. Ich entscheide mich hier für „dürfen“. Aber nur weil du es bist, Marion! Nun denn:
1. Was siehst du, wenn du nun aus dem Fenster schaust?
Es gibt einige Fotos von mir als Kind, wie ich sehnsüchtig, ein bisschen ängstlich aus dem Fenster schaue. Und jetzt? Jetzt schreib‘ ich Gedichte und Geschichten über diese Blicke aus dem Fenster, und sehe das Kind noch, aber auch dessen Weg bis hierher, zu diesem Fensterblick, zu dem du mich heute aufforderst, und sehe den großen Ahorn da stehen und seine Arme über den Balkon meiner Wohnung ausbreiten. Und bin dankbar.
2. Welche fünf Gegenstände befinden sich gerade in deiner Nähe?
Der Laptop, Tor zu den galaktischen Weiten des Internet, die unvermeidliche Kaffeetasse mit ihrer schönen Aura der Geborgenheit, ein paar unerledigte Papiere, ein kleines Wölkchen des Missmuts darüber, Noten eines Klavierstücks, das mein Freund Achim für mich komponiert hat, die Brille auf meiner Nase, deren Gläser mich nur scheinbar trennen von dem, was ich sehe.
3. Was ist in deiner Wohnung, wenn du nicht da bist?
Ordnung, WEIL ich nicht da bin!
4. Was hat dir heute schon Freude bereitet?
Deine Fragen natürlich, und die neueste Rezension in Amazonien, die von einer mir gänzlich unbekannten Leserin verfasst wurde 😉
5. Welche drei Dinge kannst du gut?
Ich kann ein bisschen Klavierspielen, ich kann ein wenig mit Sprache umgehen und ich kann manchmal gut zuhören. Eigentlich sind das nicht drei Dinge, sondern nur eins. Ich bin also „The One-Trick-Pony“.
6. Was möchtest du noch lernen?
Die Chopin-Sonate Nr.2 auswendig.
7. Was war das verrückteste Kompliment, das du jemals bekommen hast?
Klare Sache: das war an dem Tag, als ich eine neue Wohnung bezogen hatte und zum ersten mal Besuch bekam von meiner mir inzwischen näher vertrauten Angetrauten. Ich war natürlich ein wenig nervös, hatte die Wohnung und mich selbst auf den technisch möglichen Bestzustand getrimmt und erwartete entsprechende Komplimente. Sie kommt rein, würdigt mich nur eines flüchtigen, nichtssagenden Blickes, geht durch die Wohnung, verzieht dabei keine Miene, tritt schließlich ans Fenster, schaut hinaus, ihr Blick wird hell und freundlich und sie sagt: „Tolle Fassaden, da drüben!“ Ich hab‘ sie trotzdem geheiratet!
8. Welchen Film hast du mehr als viermal gesehen?
„Is was, Doc?“ mit Barbara Streusalz. Nie mehr so gelacht!
9. Welche kulturelle Sache (Buch, Theater, Film etc.), hast du in letzter Zeit erlebt und kannst du weiter empfehlen?
Peter Hoeg: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels. Unglaubliches Buch!
10. Du kannst einen Abend mit einer Person deiner Wahl verbringen (eine geschichtliche Person oder eine Person aus der Gegenwart), wen wählst du spontan?
Wenn ich all meinen Mut zusammenhätte, eindeutig: Jesus. Viel Dankbarkeit, viele Fragen.
Wenn ich weniger Mut hätte an dem entsprechenden Tag: Goethe. Den würde ich erst mal einlullen mit ein paar Zitaten aus seiner Feder und reichlich Rotwein, und dann würde ich ihm ein paar Gedichte von mir hinlegen und schnell abhauen.
11. Gefällt es dir, wenn die letzte Frage einfach ist?
Was, schon vorbei?
*
Schuldfrage
Bin ich Sünde?
Bin ich Schuld?
Oder Du?
Greif‘ ich mit Recht Dich an, zeig‘ aus gutem Grund auf Dich, den Feind?
Bist Du Sünde, Ebola?
Bist Du Schuld, Putin?
Bist Du Sünde, Glaubenskrieger?
Kann ich Schuld SEIN?
Bin ich Körper, der handelt und dem dies gelingt und anderes zerbricht, der sich bemüht, um Aufmerksamkeit ringt, sich wehrhaft macht um nicht zu scheitern und doch das Scheitern nur hinauszuzögern lernen kann?
Oder bin ich Geist, der sich wohl irren kann über das, was er IST, aber niemals seine Wahrheit zu verändern auch nur die Möglichkeit hat?
Bin ich nicht das geblieben, was das Leben zu mir gesagt hat, als ich noch keine Sprache hatte? Bin ich nicht des Lebens Kind vielmehr als das mühsam zusammengehaltene Konstrukt meiner Ideen und Irrtümer?
Bist Du nicht mit mir auf dem Weg, dorthin zurück, zu diesem LICHT, das nach wie vor als Ahnung, als Funke in uns ist, der uns die Richtung gibt?
Sind wir nicht EIN Geist? Trotz allem, hinter allem, wesentlich in Allem?
Bin ich Schuld?
Bin ich Sünde?
Kann ich für einen Moment nur dieses LICHT unwahr machen? Kann ich?
Bist du tot? Kann ich?
Bist du Mörder? Kann ich?
Bist du mir fremd? Kann ich?
Oder bleibst du mein Geschwister? Trotz allem, hinter allem, wesentlich in Allem? Kann ich? Kann ich das glauben? Ist das denn endlich für mich wahr?
Bin ich Sünde? Bin ich Schuld?
Unendliche Geduld, des Lebens unfassbare Huld,
Es sagt: ICH BIN,
Und ewig bliebe mir mein eigentlicher Sinn,
Es sagt ganz leise Dir und mir ins Ohr:
DU BIST, noch allem Deinem Denken über Dich zuvor.
*