Wir Kinder

Mein Vater war das, was man einen ‚starken Charakter’ nennt, von großer Entschluss – und Tatkraft, fähig, andere Menschen treffsicher auch in ihren hintergründigen Motiven zu beurteilen und sie in seiner rheinländisch-humorigen Art für sich einzunehmen, seine Rede war plastisch und von kräftigen Farben bestimmt, Unklarheiten waren ihm zuwider, er sprach in deutlichen Worten.

Mühelos konnte er einen ganzen Saal mit Anekdoten aus seinem Leben unterhalten oder eine abkühlende Stimmung mit seinem Klavierspiel wieder anheizen und wenn nötig stundenlang auf hohem Niveau halten, bevor er mit einem entschlossenen ‚Auf Wiedersehen, Auf Wiedersehen’  das Ende der Veranstaltung musikalisch herbeiführte.

Ja, er gab gerne den Ton an, aber er traf ihn, Meister der Improvisation, fast immer in einer Art, die für Andere auch inspirierend und bereichernd war.

Gleichwohl hatte er auch eine zartfühlende Seite, mit der er allerdings in Konflikt war; mächtig angezogen vom Reinen, Leichten, Schönen, war er doch voller Zweifel an deren Kraft, sich behaupten zu können in dem Kampf, der das Leben für ihn war.

So sah ich ihn einmal am Fenster sitzen und weinen, als die große Magnolie in unserem Garten, die doch gerade erst erblüht war, schon wieder begann zu welken und die ersten Blütenblätter fallen ließ.

Man muss kein Psychologe sein, um erahnen zu können, wie ein Mensch, der viele Jahre seiner Jugend im Krieg und später als Gefangener in einem Bergwerk zubringen musste, zu solchen Zweifeln gekommen war.

Ich kann mich noch ziemlich genau an eine Waldwanderung mit ihm erinnern, als er uns Kindern einen Schmetterling zeigte, der auf einem Blatt saß, die Flügel zusammengefaltet, ganz ruhig saß er da. Mein Vater erklärte uns, dass man die Flügel nicht anfassen dürfe, weil man sonst die feine Staubschicht zerstören würde, die notwendig sei, damit der Schmetterling fliegen könne.

Das brachte uns natürlich zum Staunen, und wir näherten uns dem Blatt und seinem Gast nur mit größter Vorsicht, die Hände hinterm Rücken verschränkt und mit angehaltenem Atem, um bloß nichts von dem wertvollen Staub zu berühren oder wegzupusten.

Mein Vater aber blieb zurück, und als wir uns schließlich wieder zu ihm umdrehten, hatte sein Gesicht einen Ausdruck angenommen, den wir damals nicht verstanden.

Es war abgrundtiefe Sehnsucht und eine unendliche Traurigkeit, die sich in seinem Gesicht spiegelten, als er uns so bei dem Schmetterling stehen sah.

Viele Jahre später hatte ich das unbeschreibliche Glück, dass die Frau meines Herzens die verwegene Idee hatte, mich heiraten zu wollen. Ich erklärte mich schnell einverstanden, bevor sie es sich anders überlegen würde und auch mein Vater freute sich so sehr über die Aussicht, Schwiegervater zu werden, noch dazu von seiner Traum – Schwiegertochter, dass er die Hochzeit schon organisiert hatte, bevor einer der Beteiligten alternative Konzepte ersinnen konnte. Und so kam es auch, dass wir im November heirateten, der nicht gerade als typischer Hochzeitsmonat gelten kann.

Es wurde ein glücklicher Tag. Der Held hieß Achille, ein schwarzafrikanischer Priester mit herrlich französischem Akzent, der sich die Fähigkeit bewahrt hatte, trotz Robe und Ritual aus dem Herzen zu sprechen und den Gott, an den er glaubte, auch im Gesang einer unserer Freundinnen sehen zu können, die heimlich gemeinsam mit dem Organisten ein Liebeslied einstudiert hatte, das sie uns jetzt vortrug. Der Priester wäre fast in die Knie gegangen vor Rührung und wir mit ihm.

Auch mein Vater sagte ein paar Worte, ganz wenig sprach er, so hatte ich ihn noch nie erlebt; als nicke er nur der Situation zu: es ist ja Alles gesagt!

Keine große Kirche war es, in der die Zeremonie stattfand, nur eine kleine Kapelle auf einer Anhöhe im Schwäbischen Land, keine große Hochzeitsgesellschaft war zusammengekommen, und auch die anschließende Feier muss eher bescheiden genannt werden.

Es war ein glücklicher Tag. Wir hatten einander „Ja“ gesagt.

Am nächsten Tag aber geschah etwas Außerordentliches. Nur darauf zielt meine Erzählung eigentlich ab, davon zu sprechen war meine Absicht, und ich muss Euch um Verzeihung bitten, dass ich so weit ausgeholt habe, aber ich hätte vom bisher Gesagten nichts weglassen können, ohne dem Folgenden den Sinn zu nehmen:

Wir, meine Frau und ich, waren mit meinem Vater zum Frühstück in seiner Wohnung verabredet und trafen ihn in seiner Lieblingsecke am Tisch sitzend an, der bereits reich gedeckt war. Vor ihm stand ein Becher mit dampfendem Kaffee, noch randvoll, die Zeitung lag ungelesen neben ihm: der Tag war bereit, aber noch nicht angebrochen. Wir begrüßten einander und setzten uns zu ihm, aber keiner von uns wollte so recht mit dem Frühstück beginnen. Etwas lag in der Luft, was zuerst noch gesagt werden wollte, von ihm, meinem Vater, gesagt werden wollte.

Er sah uns eine kleine Weile nur an, ganz ruhig, und in seinem Gesicht stand ein Staunen, als er es schließlich aussprach:

„Gestern, Kinder, das war der schönste Tag meines Lebens.“

„Hat er ‚meines Lebens’ gesagt?“, musste ich denken, ich erschrak fast über die Frage, aber bevor sie andere Gedanken nach sich ziehen konnte, wurde sie wie aufgesogen von der Atmosphäre inniger Vertrautheit, die sich jetzt im Raum ausbreitete.

Und da war es, als stünden wir alle Drei wie damals, wie die Kinder, staunend und ehrfürchtig vor etwas unendlich Zartem, die Hände auf dem Rücken verschränkt und mit angehaltenem Atem, um es nur nicht zu stören.

Aber diesmal entfaltete sich dies zarte Wesen, als die Freude, Zeugin der Unantastbarkeit des Lebens, rein und leicht und schön flog sie auf, war für einen Moment unser Atem, während Sehnsucht und Traurigkeit, Du und Ich, Werden und Vergehen tausendfarbig zwischen uns schillerten wie in den Flügeln des Schmetterlings, der endlich, endlich ins Licht fliegen darf.
Es war ein glücklicher Tag. Wir hatten einander „Ja“ gesagt. Wir Kinder.

Wer bist Du?

 

Ich verbinde mich mit Deinem Horchen
auf die Quelle des Vertrau’ns,
was auch immer uns geschieht,

durch die Zeit hindurch, die auf das einst Gewes’ne zeigt
als der Ursprungsstelle allen Welterbau’ns
und endlos nur der Gegenwart entflieht.

Du bleibst still bei mir und ich versteh‘:
nur an mir liegt, was ich in Dir seh‘.

*

Blätterrauschen

Als sie gestorben war, lagen wir, die wir sie in ihrer letzten Zeit begleitet hatten, vollkommen erschöpft unten im Wohnzimmer auf dem Fußboden – sie, ihren Körper, oben in ihrem Zimmer zurücklassend – mit uns allein …

… allein mit mir … leer … einfach nur leer.

Das Erste, was wiederkam, war das heraufdämmernde Frühlingslicht, welches das Zimmer allmählich erhellte. Ich fühlte das Bedürfnis nach frischer Luft, nach Draußen, nach Weite, stand auf und öffnete die Terrassentür. Unendlich sanfte Luft strömte mir entgegen, als ich hinaustrat ins Freie. Ein leiser Wind bewegte die Blätter der Bäume, sonst nichts, tiefste Ruhe.

Da kam sie wieder zu mir. Aus Allem, den Blättern, dem Wind, den Wolken, dem Gras der Wiese, aus Allem schaute sie mich an und flüsterte mir zu: „Gestorben bin ich, lieber Bruder, aber tot bin ich nicht.“

Irgendwie hob es mir die Arme hoch, ich wollte dieses Flüstern einatmen mit jeder Zelle, es sollte mich anfüllen bis obenhin.

So stand ich da, die Arme erhoben, als wir uns unvermittelt anschauten: in vielleicht dreißig Metern Entfernung stand – wohl schon länger – ein junger Vater auf dem Balkon seines Hauses und hielt einen Säugling im Arm, der selig zu schlafen schien. Alles schwieg eine wortlose Ruhe.

Wir schauten einander an, der Mann schien nicht irritiert zu sein von meinen erhobenen Armen, die ich jetzt langsam herunternahm, tiefe Dankbarkeit empfindend für diesen Vater mit seinem Kind, der mich nicht allein ließ in einem Moment, der mein Leben vollkommen verändert hat. Ich nickte ihm kurz zu und ging wieder hinein.

Wieder hinein.

(  22. Juni 2012 )

Gegenwart

 

In einem Augenblick war alles gut,
Dein Blick mich traf durch Deine Zeilen.
In all den Jahren Angst und Mut
konnt‘ niemals ich derart verweilen

In eines Anderen Wort.
Und alle Lebensungewissheit schwand,
verging in diesen heimatlichen Ort,
wo ich mich Dir in jenem Augenblick verband.

*

Wörter

 

… wie niedergetretenes Gras,
vom Vorwurf unterlaufen
knicken sie ein
und ducken sich vom Licht weg ins Dunkel,
jagen Dich in Schuld und Pflicht,
im Namen dessen, was ist,
was gilt in dieser Welt:
Recht, Ordnung, Normalität, Realität.

Dir geht der Atem aus,
Du kannst nichts gegen ihre Wirklichkeit sagen,
und hörst sie doch
nach Antwort zum Himmel schreien
in ihrer sprachlosen
Niedergetretenheit:
krank, schuld, unheilbar, zu spät,
verspielt, verdammt, verurteilt,
verjagt, vertan, verloren,
gefoltert und gequält,
von allen guten Geistern verlassen.

Klang erstarrt zu Schmerz.

Ihre Spuren, die sie durch den Geist ziehen,
kreuzen sich dort, wo alles ist, was nicht mehr ist:
im Tod.
Und unaufhörlich suchen sie ihr Opfer,
Dich,
um im Namen ihrer Wirklichkeit
den Vorwurf auf Dir abzuladen:
Du bist schuld
an der Zerstörung unserer schönen Welt.

Doch mitten im Lärm
diese stille Lilie,
von der Du spürst, nein: hörst,
dass sie nie einknicken würde,
auch wenn der schwerste Stiefel über sie käme.
Woher kommt dieses Wort?
In wessen Namen vertritt es das, was ist?

Wörter wie Vogelfedern,
getragen von Dankbarkeit,
der Luft und dem Licht sich hingebend,
von der Liebe selbst
zusammengehalten in Leichtigkeit
und mit Sinn erfüllt.

Blütenlicht
winkt die Blume
dem federleichten Vogel zu,
und von der Macht dieses Grußes
richtet sich das Gras ringsumher
wieder auf.

*