Des Pfeiles freier Flug

Auf der Suche nach seinem Heiler blieb Robert zunächst nichts anderes übrig, als sich an einen Arzt zu wenden.
Die Schmerzen in seinem Körper hatten sich ausgeweitet, waren tiefer, unerbittlicher geworden, hatten drängender nach Antwort verlangt.
Seine ersten Kontakte mit den Ärzten wurde ihm allerdings zur Enttäuschung und so gab ein verhaltener Zorn seinen Gedanken die Richtung: Als “Kassenpatient” – er hatte immer empfunden, dass, wenn es Wörter gäbe, die Krankheiten auslösen könnten, dieses auf jeden Fall dazugehören würde – stand ihm nur der Weg offen in die von ihren selbstgemachten Regeln in den Vollautomatismus gehetzten Krankheitsbetriebe – oder sollte man sagen “kranken Betriebe”? -, die primär das möglichst effektive Durchschleusen der Patienten durch den Parcours der zu amortisierenden Diagnostikgeräte zum Ziel hatten. So jedenfalls hörte er sich selbst klagen, als er den dritten Versuch als gescheitert ansehen musste, einen Arzt zu finden, der nicht selbst so vom Zeitdruck gepeinigt gewesen wäre, dass allein der Gedanke, ein Gespräch mit ihm könne möglich sein über … ja, über was? … über die Schmerzen? … über sich als Person, den Hintergrund der Krankheit?, … so genau hätte er das gar nicht sagen können, nein, dass der bloße Gedanke, so etwas wie ein Gespräch könne überhaupt zustande kommen – eine für sein Empfinden natürliche Vorstellung in einer Situation, in der der Eine beim Anderen um Rat und Hilfe nachsucht – dass die Idee einer hilfreichen Begegnung jedenfalls hier, in diesen während der letzten zwei Wochen von ihm aufgesuchten Arztpraxen, geradezu absurd erschienen war! Ganz offensichtlich war alles darauf ausgerichtet, zeitraubende Erörterungen, an denen sich der Patient womöglich noch beteiligen wollte, auszuschließen. Das Tempo und der stete Druck, Meinung und Verstehenwollen dem Experten überlassen zu sollen, hatten Robert wie hinausgespült aus dieser Welt der abgemessen-definierten Gesundheit, und er kam zunächst zu dem Schluss, dass Antwort dort nicht zu finden sei. Die Diagnoseschnipsel, die ihm mitgegeben worden waren, warf er, statt sie zu einem Phantasiebild zusammenzukleben, entschlossen hoch in die dünne Luft des Vergessens und ließ sie vom Wind davontragen in der Hoffnung, dieser wisse schon, wo sie hingehörten. Danach wurde ihm bedeutend leichter, fast bildete er sich ein, dieser Akt entfalte eine therapeutische Wirkung, übe einen lindernden Einfluss auf seine Schmerzen aus.
Unvernünftig aber konnte und wollte er nicht sein. Er brauchte Hilfe und so gab er seine Suche nicht auf.
Robert erinnerte sich an den Namen eines Arztes, den er in einer der drei Praxen, denen er entronnen war, gehört hatte: Während des stundenlangen Ausharrens, bis sein Name aufgerufen worden war, im „Wartezimmer“, ein Wort, das für Robert einen magischen Klang hatte, der ihn seit Kindheitstagen an den Geruch von Desinfektionsmittel, das aller Krankheit den Atem zu nehmen schien, an das verhaltene Getuschel einiger Wartender, die von den stummen Gesichtern der anderen bewacht wurden, und an das leise Umblättern von Illustriertenseiten erinnerte, in dieser niedergedrückten Atmosphäre, die er auch hier wiedergefunden hatte, waren doch auch ein paar wenige helle, lebendige Töne zu hören gewesen: die Fragen eines Kindes, das vom Kranksein noch nichts wusste, das Gespräch zwischen zwei Frischverliebten, die immun waren gegen alle Anfechtungen ihres Glücks, oder der mutige Vorstoß eines älteren, gebrechlichen Herren, der einen Arztwitz zum Besten gegeben hatte – köstliche Ausnahmen einer tristen Normalität.
Als heller, freundlicher Klang hatte sich in seiner Erinnerung auch der Name, der ihm jetzt wieder eingefallen war, aus der Geräuschkulisse des wartenden Zweifelns, Bangens und Hoffens herausgehoben: Zwei Mitwartende hatten gut, er meinte jetzt im Nachhinein sogar: herzlich über einen Arzt gesprochen, der in einer anderen Stadt praktizierte, und Robert ließ sich von diesem Eindruck leiten, nahm den weiten Weg auf sich und stellte sich eben jenem Arzt vor.
Und in der Tat fand er hier die Unterstützung, die er sich erhofft und das Gespräch, das er bisher vermisst hatte: gemeinsam trug man alles zusammen, was sich sagen ließ zu dem Ungleichgewicht in Roberts körperlichem Befinden, machte sich ein Bild von der Situation, ohne zu leugnen, was noch nicht zu fassen war oder vielleicht auch nie zu fassen sein würde. Robert sah es als großes Glück an, hier auf einen Arzt zu treffen, der offensichtlich noch willens und in der Lage war, nicht nur aus der Perspektive des Experten, sondern auch aus Roberts, aus dem Blickwinkel des Ratsuchenden heraus zu denken und er empfand auch bei den Untersuchungen, die der Arzt in aller Ausführlichkeit an ihm vornahm, ein aufmerksames, fragendes Erforschen und ein aufrichtiges Interesse, Robert in einem umfassenden Sinn zu helfen. Dankbar verließ er die Praxis, auch wenn das gründliche Zuhören des Arztes mit sich gebracht hatte, dass dieser seine Schilderungen sehr ernst genommen und ihn an eine ganze Reihe von Spezialisten überwiesen hatte zu weiteren Untersuchungen.
Robert war also dem Medizinbetrieb nicht entkommen, ganz im Gegenteil: er würde eine ganze Weile tief hineingeraten, bis sich die Experten eine Meinung gebildet haben würden, und nach der Mehrzahl seiner bisher gemachten Erfahrungen war ihm nicht recht wohl bei dieser Vorstellung.

**

Die Zeichnung eines Gesichtes, ein Bild vom Schmerz. Wie doppeldeutig das ist:
Die Zeichnung eines vom Leben gezeichneten Gesichtes!
Wie lange mag der Künstler gebraucht haben für dieses Werk, es wirkt wie hingeworfen, zehn Minuten? zwanzig? Wie kann es sein, dass es mir so viel sagt, so stark zu mir spricht? Wer hat den Stift geführt, nur die Linien sind noch da, die er auf weißem Papier hinterlassen hat, und trotzdem: sie bilden diesen stummen, geschlossenen Mund, der so deutlich, wie ich es in Worten noch nie gehört habe … der zu mir vom Schmerz spricht!
Das Gesicht: von Hunderten feiner Striche überzeichnet, die einander in die Quere kommen, sich kreuzen, die Ordnung der Gesichtszüge stören. Ganz fein scheinen sie dem Antlitz aufzuliegen, ein Windhauch würde sie wegwehen, … und dennoch: dieses Gesicht ist an sie gekettet, an sie angeschweißt, von ihren Ausgrenzungen, ihren Widersprüchen, ihren auslöschenden Energien wie angesaugt und teilerstarrt, gelähmt, wo sie sich schneiden.
Was ist Dir passiert? Was hast Du gesehen? Welcher Schrecken hat dich überwältigt, welche Worte, im Vertrauen gegeben, sind Dir gebrochen an der harten Kante der Verleugnung, welche Sicherheiten zerbröckelt, welche Liebe ist Dir in Feindschaft umgeschlagen oder einfach verloren gegangen?
Der Schmerz, hier steht er geschrieben!

Der Arzt, der Robert gegenübersaß und der ihm jetzt eine Frage stellte, war der letzte der Spezialisten, die aufzusuchen ihm empfohlen worden war.
Langsam löste Robert seinen Blick von dem Bild, das hinter dem Schreibtisch an der Wand hing, und beantwortete die Frage, woraufhin der Arzt fortfuhr, seine Erkenntnisse, die er mittels seiner Apparaturen über Roberts Gesundheitszustand gewonnen hatte, auf seine Computertastatur zu übertragen, was einigermaßen gehetzt wirkte, wie Robert fand, da sein Gegenüber einerseits ganz offensichtlich ein hohes Tempo für diesen Vorgang vorgesehen hatte, andererseits aber lediglich über ein Vier-bis-höchstens-fünf-Fingersystem verfügte, das seinen Ansprüchen an ein effektives Zeitmanagement einfach nicht hinterherkommen wollte.
Dies war also die letzte Station seiner kleinen Odyssee durch die Welt der Gesundheitsexperten auf der Suche nach einer Diagnose –  einer Ursache und einem Namen für seine Schmerzen.
Man hatte ihn vermessen und gewogen, hatte mit spitzer Nadel in ihn hineingestochen, um seines Blutes habhaft zu werden, es nach verräterischen Spuren einer Krankheit untersuchen zu können, hatte in ihn hineingehorcht mit Hörrohr und Echolot und registriert, was zurückkam, wenn man in den Wald der Strukturen hineinrief, Aufzeichnungen seiner Herzströme angefertigt auf der Suche nach verdächtigen Umwegen, die diese womöglich durch den Herzmuskel nähmen, ihm kleine Elektroschocks verabreicht, um zu erfahren, ob seine Nerven sich artgerecht verhielten, hatte seine Lunge auf ihr Fassungsvermögen und andere Fähigkeiten hin untersucht, von denen er bis dato noch nie etwas gehört hatte, und ihn zu guter Letzt in einen engen Tunnel geschoben, um seine Wirbelsäule in möglichst allen Details sichtbar zu machen.
Odysseus hatte erheblich gefährlichere Abenteuer bestehen müssen, keine Frage!, aber dieser Tunnel, diese Röhre, die sie “Magnetresonanztomograph” nannten – ein Apparat, der sicherlich genau so teuer wie sein Name lang war – dieses Ding, in das man eingefahren wurde wie der Braten in den Ofen und in dem man dann eine gute halbe Stunde allein gelassen wurde in gnadenloser Enge und umgeben von nicht nur höllisch lauten, sondern vor allem höchst befremdlichen Geräuschen wechselnder Intensität, die aus unterschiedlichen Richtungen auf den wohl in den wenigsten Fällen geneigten Zuhörer eindrangen, dieses High-Tech-Ungeheuer konnte schon an einen neuzeitlichen Hybriden aus dem einäugig seine Höhle bewachenden, männerverschlingenden Riesen Polyphem und den Sirenen erinnern, die mit in ihrem Fall zwar betörenden, aber ebenso ohrenmarternden Gesängen dem an einen Schiffsmast festgebundenen Helden zugesetzt hatten!
Odysseus hatte diese Herausforderungen mit großem Heldenmut und beeindruckenden Taten gemeistert, während Robert – als der Ofen beschlossen hatte, dass der Braten fertig sei und er wieder ausgefahren werden könne – froh, dass die Sache nun endlich vorbei war, sich lediglich der eigentlich recht netten, wenn auch etwas wortkargen Dame gegenüber, die den Apparat bedient hatte, zu der  mäßig heldenhaften Bemerkung hatte aufschwingen können, dass das Konzert, das ihm da geboten worden sei, entschieden nicht seinem Musikgeschmack entsprochen habe, was von der so Angesprochenen auch nur mit einem müden Lächeln quittiert worden war.

Der Arzt hatte nun alle Ergebnisse eingetippt und richtete sich hinter seinem Schreibtisch auf, um sie Robert mitzuteilen.
“Ich habe nichts Krankhaftes finden können”, sagte er mit einem Bedauern in der Stimme und fügte schnell hinzu, als er Roberts fast entsetzten Blick ob dieses Bedauerns sah:    “Das ist selbstverständlich gut, aber hilft Ihnen ja leider nicht weiter!”
Etwas verunsichert antwortete ihm Robert, dass er es, ganz im Gegenteil, als große Hilfe empfinde, zu hören, dass nichts Auffälliges zu finden gewesen sei, und er verabschiedete sich von dem Arzt, der ihm dasselbe “negative” Ergebnis mitgeteilt hatte wie alle anderen Spezialisten zuvor.
Beim Hinausgehen wurde er ein wenig nachdenklich, fast traurig, denn ihm schien, dass in eben jenem Bedauern, das er bei allen Experten empfunden hatte, und das fast wie ein Gekränktsein klang, ihm nichts Handfestes mitgeben, ihm nicht mit einer klaren Diagnose weiterhelfen zu können, dass darin etwas lag, was ihm wie eine Ohnmacht dem Nichtgreifbaren gegenüber vorkam, die vielleicht, so dachte Robert, gar nicht sein müsse. Sollte er sich nicht zunächst einmal nur freuen, dass der Kelch einer vielleicht ernsten Erkrankung an ihm vorübergegangen war? Und war es nicht vernünftig, dem Unbegreiflichen zuversichtlich zu begegnen? Hatte ihm nicht, wenn er still geworden war und aufrichtig zugehört hatte, das Leben selbst immer wieder davon gesprochen, dass alles so, wie es sei, zu seinem Weg gehöre, dass sich alles, was er finden solle, auch finden werde und Vertrauen die rechte Antwort auf das Ungewisse sei ?
Das Bild an der Wand – jetzt wusste er plötzlich, warum es ihn so tief angesprochen hatte: es sprach von der Hoffnung, dass dieses Vertrauen gerechtfertigt sei.

**

Kurz vorm Ziel, zwischen dem elften und dem zwölften Stockwerk, blieb der Aufzug stecken. Das hätte Robert weiter nichts ausgemacht, er hatte hier im Gesundheitszentrum keinen Termin, den er verpassen könnte, sondern wollte lediglich einen Untersuchungsbefund abholen, und er ging davon aus, dass die Panne schnell behoben sein werde.
Unangenehm war nur, dass er nicht allein war: neben ihm stand ausgerechnet jener Arzt, an den er sich zu Beginn seiner Gesundheitsreise mit seinen Fragen gewandt und von dem er sich nach den knapp drei Minuten ihrer Begegnung einigermaßen aufgebracht verabschiedet hatte, weil in ihm das Gefühl aufgekommen war, von diesem Arzt überhaupt nicht wahrgenommen worden zu sein.
Der unliebsame Mitreisende hatte inzwischen den Notrufknopf betätigt und mit dem Aufzugservice sprechen können, der versichert hatte, dass sofort Hilfe kommen werde. Robert war die leicht zitternde Stimme des Arztes aufgefallen, und als dieser sich jetzt zu ihm umwandte, sah er, dass ihm Schweißperlen auf der Stirn standen.
“Geht es Ihnen nicht gut?” sprach er ihn an, das unangenehme Gefühl der Wiederbegegnung war ihm verflogen bei dem Anblick eines nach Hilfe rufenden Gesichtes.
“Nein, mir geht`s wirklich nicht gut. Ich hab’ extreme Platzangst. Aufzug fahren geht, aber stecken bleiben darf er nicht. Scheiße!”
Das Kraftwort funktionierte zuverlässig, es schien ihm sofort etwas Erleichterung zu verschaffen. Solch eine Situation hatte Robert noch nicht erlebt, und seine Vorstellungen, wie er helfen könne, griffen zunächst daneben:
“Sagen Sie mir, was ich für Sie tun kann”, bot er an, “soll ich Ihre Hand halten? Ich kann Sie auch umarmen, oder – ?“
“Nein, nein, wirklich nicht, Umarmen ist ungut bei Platzangst”, der Arzt lachte kurz auf, aber das Lachen blieb ihm regelrecht im Halse stecken, die Angst war mächtiger. Er tat Robert leid – wie fragil er wirkte, wie von Grund auf verunsichert! Jetzt lehnte er sich mit dem Rücken an die Robert gegenüberliegende Seitenwand der Aufzugskabine und suchte zusätzlichen Halt, indem er sich am Handlauf abstützte.
“Aber reden könnten Sie mit mir, reden hilft meistens!”
“Gut, worüber sprechen wir? Ich nehme an, nicht gerade über Angst?”
“Doch, doch! Mitten rein, das ist am besten. Kennen Sie auch so etwas wie Platzangst?”
Robert zögerte: „In dieser Form eher nicht, aber Angst kenne ich natürlich. Neulich, in der MRT-Röhre – vielleicht kann man das ja Platzangst nennen – da war mir schon kurz mulmig!”
“Oh, dann kennen wir uns, Sie müssen entschuldigen, es sind so viele Patienten…”
Robert, erinnert an ihre erste Begegnung, musste denken: ‘Kennen? Wohl eher flüchtig!’, aber er empfand keinen Groll mehr gegen den Arzt, der gerade dabei war, die obersten Hemdknöpfe zu öffnen, um freier atmen zu können.
“Vor etwa vier Monaten war ich bei Ihnen wegen meiner Schmerzen.”
“Ach ja, natürlich“, gab sein Gegenüber zumindest vor, sich zu erinnern, aber Robert sah in seinem Gesicht die Bitte, weiter über sich und die Angst reden zu dürfen, und er versuchte, so gut es ging darauf einzugehen, indem er sagte:
„Wir haben vielleicht alle irgendwo die Angst, der Boden unter unseren Füßen könne nicht wirklich sicher sein, oder ahnen vielmehr, dass er es tatsächlich nicht ist,
was meinen Sie?“
Robert war an den Punkt gekommen, an dem er sich entschlossen hatte, alle Überlegungen, wie er am besten helfen könne, beiseite zu lassen und zu versuchen, ein ganz normales Gespräch zu führen, wie man das in der Kneipe zu solch einem Thema vielleicht auch getan hätte.
„Der Boden! Da sagen Sie was! Es ist wirklich das Gefühl, dass einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, und das hier!“ Der Arzt deutete auf den dünnen Stahlboden der Aufzugskabine, und eine Weile lang beschäftigten sich die Gedanken beider Zellengenossen wortlos und dennoch fast hörbar mit der Abschätzung der Entfernung, die man wohl im freien Fall zurücklegen müsste, sollte der Aufzugsboden herausfallen oder die Kabine in toto den Schacht hinunterstürzen.
„Aber Sie haben ganz recht!“, im Gesicht des Gepeinigten funkelte jetzt ein Gran Humor, der auf Robert sehr beruhigend wirkte, wie ein Zeichen, dass die Richtung des Gesprächs stimme.
„Ich bin da ganz Ihrer Meinung, aber ich fürchte, die meisten Menschen haben diese Angst besser vor sich verbergen können als ich.“
„Soll man das jetzt gut finden oder schlecht?“ antwortete Robert, der das Thema zunehmend interessant fand, was ihn zusätzlich beruhigte, offensichtlich war die größte Spannung aus der Situation heraus.
„Was meinen Sie?“
„Warum sich damit verstecken? Wären Offenheit und Solidarität nicht besser?“
„Solidarität in dem Eingeständnis, dass wir alle auf unsicherem Boden stehen? So etwas gibt es nicht, das gesteht sich niemand zu, wenn er nicht muss!“ Die Antwort des Arztes klang entschieden und gleichzeitig resigniert.
„Aber das müsste man dann doch unklug nennen! Also ich meine, das ginge ja an der Wirklichkeit vorbei, oder nicht?“ Roberts Rede kam in Fahrt: „Unsere Sicherheiten, was wir für gut und was wir für schlecht halten, für richtig und falsch, was wir gelten lassen und was nicht, damit doch auch, was wir glauben, das wir sind, weswegen wir hier sind und was der Sinn unserer Begegnungen ist, unsere Weltanschauung also, können wir die wirklich als objektiv gegeben annehmen und kontrollieren, oder ist es nicht ein Wahn, das zu glauben?“
„Aber was wäre die Alternative?“ Auch der Arzt schien jetzt zunehmend Gefallen am Diskutieren zu finden: „Wir müssen doch den Rahmen, in dem wir die Dinge sehen, unter Kontrolle halten, eben um uns nicht verunsichern zu lassen, jedenfalls möglichst nicht mehr als durch eine letztlich harmlose Platzangst“.
„Die Alternative wäre ein echter, wirklich sicherer Boden, den man nicht mehr kontrollieren muss“, sagte Robert und wusste selbst noch nicht ganz genau, was er damit meinte, es wurde ihm erst klarer, als der Arzt nachfragte:
„Was meinen Sie mit einem echten Boden, wo gibt es denn etwas ganz Sicheres?“
„Aber haben Sie nie so empfunden, dass es etwas Absolutes geben muss, etwas außerhalb des Bezweifelbaren, etwas, in das man sich hineinfallen lassen kann in jeder Situation?” fragte Robert und sah, wie sein Gegenüber kurz versucht war, die Rede wörtlich zu nehmen:
Wie um eine Antwort zu finden, schaute der Arzt nach unten auf den Aufzugsboden, schüttelte sich dann aber, als ob er sich von den letzten Resten seiner Angst befreien wolle, sah wieder auf und blickte Robert in die Augen:
“Ich weiß nicht, geträumt hab’ ich wohl gelegentlich davon, vielleicht ist diese Ahnung in mir. Und Sie haben natürlich recht, wenn es so etwas gäbe, dann könnte man seine Kontrolle lockern, oder sogar ganz abgeben.”
“Und?”
“Was?”
“Gibt es ihn?”
“Den absolut sicheren Boden?”
“Ja?”
“Reden wir jetzt von Vertrauen, Gott, Liebe, Spiritualität, gehen Ihre Gedanken in diese Richtung?”
“Jedenfalls mehr aufwärts als abwärts!”, konnte sich Robert nicht verkneifen zu antworten, aber er hatte gesehen, dass der Arzt wieder Oberwasser bekommen hatte und viel ruhiger geworden war, und er war sich sicher, dass er ihn mit dieser Aufwärts- Abwärts-Bemerkung nicht wieder in Angst bringen werde.
“Ich bin nicht gläubig!”
“Das glauben Sie nur!”
Beide lachten sie auf über diesen geschickt zurückgespielten Ball, und fast hätte die Unterhaltung in der Tat die lockere Atmosphäre einer Stammtischrunde angenommen, als der Arzt ganz unvermittelt fragte:
“Und Ihre Schmerzen?“
Robert blickte sein Gegenüber an und sah es vollkommen verändert. Der Arzt lehnte noch immer an der Seitenwand der Aufzugskabine, hatte jetzt aber die Arme vor der Brust verschränkt und schaute ihn mit klaren, selbstbewussten Augen an, die ausdrückten, dass gewöhnlich er es war, der den Anderen schwach und hilfesuchend sah. Von dem zerbrechlichen, verunsicherten Eindruck, den Robert anfangs hatte, war nichts mehr übrig, vor ihm stand der Arzt, dem er schon einmal, unter anderen Umständen, begegnet war.
Robert merkte, wie er in einem uralten Reflex auf Distanz gehen, aber gleichzeitig auch, dass er genau diesem Reflex nicht gehorchen wollte.
“Wie meinen Sie das jetzt?”, fragte er, obwohl er die Antwort schon zu kennen glaubte.
Der Arzt schaute ihm fragend in die Augen:
„Könnte es denn nicht sein, dass Ihre Schmerzen körperlicher Ausdruck – sagen wir: der Versuche sind, das Koordinatensystem Ihrer Weltanschauung unter Kontrolle zu halten, dass sie also nur eine andere Form derselben Angst sind, die ich gerade zu spüren bekommen habe?“
‚DERSELBEN ANGST!’, dieses Wort blieb vor Robert wie schwebend stehen, wie eine Frage, an der es kein Vorbeikommen gab, wie etwas Zwingendes, Antwort Verlangendes, Unabweisbares. Wie die Frage seines Lebens.
Für einen Moment war es, als sei die Angst seines Gegenübers zu ihm herübergeweht, jetzt spürte er die Verunsicherung, spürte er seinen Boden, dessen Festigkeit in Frage gestellt worden war. Eine alte Wut wollte in ihm aufsteigen, von eines Anderen Angst umwölkt, von den Schwächen eines Anderen infiziert werden zu sollen, ein Zorn, der die Angst energisch zurückwies, die Robert als nicht zu ihm gehörig ansehen wollte. Er bemerkte noch, dass er gerade selbst im Begriff war, ein Beispiel für die fehlende Bereitschaft zur Solidarität abzugeben, wie er sie gerade noch gefordert hatte, als plötzlich dies Bild, das Bild vom Schmerz, wieder einen Augenblick lang vor sein inneres Auge kam wie die Erinnerung an einen guten Freund, der ihm sehr nah gekommen war und dem er sich auf geheime Weise verpflichtet hatte, und es war, als nutze der Gedanke diese kurze Ablenkung, um, noch bevor der Zorn sich ausbreiten konnte, vollends zu ihm durchzudringen: “Dieselbe Angst!” Nicht die gleiche, keine ähnliche, nein: dieselbe!
Und da, wo dieser Gedanke ihn gänzlich einnahm, war kein Zorn mehr – und auch keine Angst, statt dessen breitete sich in ihm, während er dem Arzt weiter in die fragenden Augen schaute, etwas aus, das er in dieser Form noch nie empfunden hatte: das Gefühl von … einer Anwesenheit, die Angst und Wut in sich aufzunehmen schien, sie mit ihrem eigentlichen Sinn erfüllte, indem sie sie wie Fragen beantwortete, so, als ob ein großer Bruder seine beiden in ständigem Streit liegenden kleinen Geschwister versöhnend an die Hand nähme. Robert hätte wohl im ersten Moment dazu “Mitgefühl” gesagt. Ganz leise war es, unaufdringlich, ohne Absicht und Ziel, und die Kraft, die in ihm lag, war nicht auf irgend etwas gerichtet, sie schien allumfassend zu sein, alles umfassend, alles in sich bergend.
Der Arzt stieg als Erster aus – irgendwann musste der Aufzug sich wieder in Bewegung gesetzt haben, Robert hatte es tatsächlich nicht bemerkt – und blickte ihn im Gehen über die Schulter an: „Jetzt haben wir uns“, sagte er aus schon sicherer Distanz, „doch noch irgendwie in den Arm genommen, nicht? Bis gleich dann!“ wohl in der Annahme, dass Robert heute einen Termin bei ihm habe. Da die Helferinnen ihren Chef aber inzwischen schon besorgt umringt hatten, ergab sich keine Gelegenheit mehr, diesen Irrtum aufzuklären.
‚Bis gleich!‘ antworte Robert dennoch still in sich hinein, ‚bis gleich!‘.
Er war nicht sofort hinter dem Arzt her hinausgegangen, und so sah er noch, wie dieser seine ersten Anweisungen gab, als die Aufzugstür sich wieder vor ihm schloss und er mit sich allein war.
Für ein paar wenige, ewige Sekunden spürte er eine Weite um sich, die keine Grenzen zu haben schien, ein Leersein, einen Raum ohne Sprache und ohne jede konkrete Bedeutung – aber voller Liebe.
Er öffnete die Tür, holte seinen Befund, dessentwegen er gekommen war, am Empfang ab, und verließ die Praxis.

Während er die Treppen in Richtung Ausgang hinabstieg, lediglich begleitet von den kurzen Echos seiner Schritte im ansonsten menschenleeren Treppenhaus, ließ er die Ereignisse der letzten Stunde noch einmal an sich vorüberziehen, und dabei kam ihm etwas in den Sinn, das ihn, obgleich es ihm zunächst banal erschien, derart erstaunte, dass er es eher als eine Eingebung denn als einen eigenen Gedanken empfand. Er blieb stehen – inzwischen im siebten Stockwerk angekommen – und schaute aus einem kleinen Fenster hinunter auf das Gewimmel der Stadt, während ihm der Gedanke deutlicher wurde: ‘Wenn sich diese Begegnung im Aufzug eben nicht auf diese für mich vollkommen unvorhersehbare Weise entwickelt hätte …’, so musste er denken, und er begriff erst jetzt vollends, dass er etwas für ihn absolut Neues erlebt hatte, ‘dann …. dann hätte ich doch in meinem Zorn auf diesen Arzt den Menschen in ihm glatt übersehen! …’. Er holte tief Luft und folgte dem Gedanken weiter, indem er sich eingestand, dass dies nichts anderes war als das, was er den Ärzten und dem übertechnisierten, vom Zeitdruck getriebenen und von Finanzzwängen niedergedrückten Gesundheitssystem vorwarf: dass sie blind geworden seien für den Menschen im Patienten.
Aber jetzt war in ihm kein Vorwurf mehr, viel deutlicher war ihm dagegen sein eigenes Eingeständnis dieses traurigen Übersehens, dieses Vergessens des ewig gemeinsamen Bodens. Es kam ihm vor, als sei dies die eigentliche, alle gleichermaßen, in welcher Form auch immer schmerzende Krankheit, und eine Ahnung stieg in ihm auf, dass sie heilbar sei, dass sie vergehen müsse, wenn die Erinnerung daran, wofür wir eigentlich hier sind, wenn die Tatsache, dass wir vor allem und wesentlich Mit-Menschen sind, einander untrennbar verbunden, in unserem Bewusstsein wieder wacher werden würde. Und der Gedanke wurde groß in ihm und umfassend, als er begriff, dass er hier seinen Heiler gefunden hatte: in sich selbst,  in dieser schlichten Einsicht.

‚Dieselbe Angst’, hallte es in ihm noch einmal nach, als er langsam weiter nach unten ging, und es fiel ihm erneut Odysseus ein, der von den Göttern Begünstigte und gleichzeitig Gejagte, der Held und der Verirrte, der schließlich doch seine Heimat wiedergefunden hatte.
“Das Leben ist ein Heimkehren”, dachte Robert, und er war froh über diesen glücklichen Gedanken, der  ihm wie der Grundton des Erlebten klang.
Nach all den Irrwegen endlich zurückgekehrt, hatte Odysseus sich einst zu erkennen gegeben, indem er einen Pfeil seines ausschließlich von ihm zu meisternden Bogens durch die Schaftlöcher zwölf hintereinander aufgestellter Äxte geschossen hatte, womit die Zeit des Chaos zu Ende gegangen und Odysseus wieder Herr im eigenen Hause geworden war.
Als Robert jetzt hinaustrat ins Freie und der Straßenlärm ihn wieder umfangen wollte, meinte er noch mitten durch den Lärm hindurch die Ruhe zu hören, mit dem derselbe Pfeil, als zeitlos-ewiger Gedanke unserer wahren Heimat, in ungebrochener Sicherheit seinen Weg auch in diesem einen Moment fand, da Robert sich ihm nicht mehr widersetzte, hinaus aus Suche und Zweifel in das eine unbegreiflich-wundervolle, unbezwingbare Leben, alle Angst in Zuversicht zu verwandeln und die wahre Identität der Heimkehrenden zu bezeugen.

*

Liebe!

 

Erschrick doch, Seele,
Flieg‘ doch durch die Angst!
Gib‘ doch Frieden dem, um das Du bangst!
Durchschlag‘ den Knoten: Sorge, Schuld und Schmerz,
Steig‘ wieder auf –  in Ihre Nähe, in Ihr Herz!

*

 

Oder was glaubst Du?

Also komm‘, über Gott haben wir uns doch schon Gedanken gemacht, da waren wir noch keine fünf Sekunden von der Nabelschnur ab, oder hast du etwa nicht geschrien? Da war’s doch schon vorbei mit der Geborgenheit, sie haben einen isoliert vom Großen-Ganzen, hochgehoben, rumgereicht, sogar geschlagen haben sie den Neuankömmling, damit der gleich weiß, dass er ab jetzt selbst für die Aufrechterhaltung lebenswichtiger Körperfunktionen zuständig ist: Einatmen – Ausatmen – Einatmen – Ausatmen den ganzen Tag nonstopp. Das war vorher besser gewesen, definitiv! Doch, unser Gebrüll hat schon geholfen: sie haben sich bemüht, haben uns in warme Decken gewickelt, dabei ganz vertrauenerweckende Blubbergeräusche abgesondert und man hat sich an der Milchbar vom Großen-Ganzen bedienen können. Aber komisch war schon: vorher hatte man ganz und selbstverständlich dazugehört, jetzt war man zwar gern gesehen, aber doch nur noch so etwas wie ein Gast. Na ja.
Dann haben Sie einem so Mützchen übergestülpt, Hemdchen, Höschen und Söckchen und haben immer so getan, als seien das großartige Geschenke, die einen aufwerteten und über die wir uns freuen müssten. Dabei haben wir eigentlich immer gedacht: nackt war besser, ihr Granaten! Gut, wir hatten noch keine Wörter damals, stimmt, aber wir haben doch schon nachgedacht, haben den großen Unterschied zwischen all dem Neuen und dem fraglosen, unendlichen Aufgehobensein bemerkt, dem sie uns da gerade entrissen hatten. Und mit dem Denken ist es dann wie mit dem Atmen gewesen: nicht mehr zu stoppen!
Ja, und dann sind allmählich die Wörter zu uns gekommen, wir haben schnell herausgefunden, dass unser Denken zusammen mit unserem Geschrei, wenn wir es ganz fein dosiert haben, mit dem Mund irgendwie in kleine Förmchen zu bringen war, so was wie Essen verkehrt herum. Interessant war ja dabei vor allem, dass wir damit das Umunsherum beeinflussen konnten. Zweifaches Aufklappen des Mundes mit vorsichtigem Luftausstoß hat beispielsweise dazu geführt, dass das Große-Ganze sehr, sehr freundlich geworden ist und einem dann unaufhörlich dieselben Denkförmchen ins Gesicht geblasen hat: „Ma-ma, Ma-ma, Ma-ma“.
Das hat Spaß gemacht, muss man schon sagen! Zuerst ist dann das Wörterformen noch eine Art freie Kunst gewesen, alles, was einem so eingefallen ist, hat große Freude ausgelöst ringsumher. Später dann allerdings hat es richtige und falsche Wörter gegeben, manche haben Freude ausgelöst und manche heftigen Grimm. Man hat uns den Apfel vom Baum des Unterschiedes zwischen Gut und Böse eigentlich ziemlich brutal zwischen die Kiefer gerammt. Sie sind aber schlau gewesen und haben damit gewartet, bis wir genug Zähnchen hatten! Verführt von den neuen Möglichkeiten haben wir tapfer zugebissen und ja: es hat geschmeckt, auch wenn eine bittere Note dabei gewesen ist: um zum Guten zu kommen, hat man ständig das Schlechte aussondern müssen, und so was hatte es zuvor genau wie Söckchen und Mützchen gar nicht gegeben! Ganz schnell haben wir dann aber die unendlichen Möglichkeiten entdeckt, die das Wörtersprechen so mit sich gebracht hat: man hat die Umgebung regelrecht damit aufscheuchen können, die einzelnen Teile, in die sich das Große-Ganze inzwischen längst zerlegt hatte, herrlich gegeneinander ausspielen, Wohlwollen verteilen und wieder entziehen und köstlich: Dinge behaupten können, die gar nicht gestimmt haben!
Und darüber haben wir nach und nach vergessen, dass wir einmal über Gott nachgedacht hatten, damals, als es noch kein Wort für Ihn gegeben hatte, als der Boden unseres Denkens noch das Ewig-Ganze und Unzerstörliche gewesen war, auf das sich alle Unterschiede, die wir bemerkten, gegründet hatten.
Etwas anderes hat sozusagen dieses Thema ersetzt, und dafür hat es ja jetzt auch ein Wort gegeben: „Liebe“. Liebe galt als Haupthandelsware, das haben wir schnell bemerkt, mit der Liebe hat man hier die Weichen gestellt! Es gab die der Liebe Würdigen und die ihrer Unwürdigen, es gab Freunde und Feinde, Familie und die Anderen. Mit der Liebe sind die entscheidenden Trennlinien gezogen worden, an denen man sich orientiert hat. Später erst haben wir angefangen,  an sehr viel profanere Mittel zur Orientierung zu glauben, da war schon Dramatisches in uns geschehen: wir hatten erleben müssen, dass die Liebe nicht wirklich zuverlässig war, sie konnte zu Bruch gehen. Wir hatten erlebt, dass man verlassen, betrogen, verstoßen, verschmäht, dass unsere Liebe ignoriert werden konnte, dass andere uns gegen unseren Wunsch und Willen vorgezogen werden konnten, und wir hatten erlebt, dass der Mensch, den wir liebten und der uns liebte, vom Schicksal von unserer Seite gerissen werden konnte, und es wurde immer klarer, dass es mit der Liebe war wie mit dem Atmen und dem Wörtersprechen: sie bestimmte unser Leben seit ihrem Auftauchen, blieb als Motor in uns, ob wir es wollten oder nicht, hatte aber einen fahlen Beigeschmack bekommen, sie war doch auch zerbrechlich, vorläufig, unsicher, längst nicht das, wofür man sie anfangs gehalten hatte: absolut in ihrer Macht und vollkommen in der Freude, die sie mit sich zu bringen verhieß.
Nur manchmal, ganz selten, da haben wir, in einem glücklichen Moment, unsere Liebe verschenkt, ohne jeden Hintergedanken, ohne etwas dafür haben zu wollen, ohne Berechnung. Vielleicht bei einer ganz zufällig sich ergebenden Gelegenheit, wenn wir ein Lächeln erwidert oder irgendeine kleine Hilfe gegeben haben. In solchen Momenten ist dann manchmal das Gefühl aufgekommen, wie eine Erinnerung, dass da etwas ganz anderes passiert ist als das, was wir gewohnt sind, Liebe zu nennen, da haben wir den alten Boden wieder gespürt: ewig unzerbrechlich.
Aber diese Momente haben sich immer sehr schnell wieder verflüchtigt. Und die Beweise, dass alles hier bricht, alles ein Ende hat, alles letztlich stirbt, schienen viel mächtiger zu sein als diese flüchtigen Erinnerungen, die wir so schwer haben festhalten können.
Wir hatten nun mal kräftig in den Apfel gebissen, und das ließ sich irgendwie kaum rückgängig machen. Aber warum auch? Wir waren noch längst nicht am Ende unserer Möglichkeiten angelangt, die Welt nach unserem Geschmack zu ordnen.
Wir haben unseren Verstand entwickelt, ganze Rechtssysteme entworfen, mit denen sich unsrer Zusammenleben hat regeln lassen, haben die Wissenschaften erfunden, um die Kräfte der Natur verstehen und ausnutzen zu können, haben die Künste hervorgebracht, sind Psychologen und Philosophen geworden auf der Suche nach den Motiven unseres Handelns und dem tieferen Sinn unseres Lebens und sind doch bei all diesen Bemühungen um ein gutes Leben den Schatten des Schlechten nie losgeworden und auch nicht – und das vor allem nicht – die Sehnsucht nach dem Absoluten, Reinen, Heilen, Gegenteilslos – Guten. Da hat uns der Apfel aber schon zu tief im Hals gesteckt und uns verführt, das Gute doch weiter auf der Kehrseite des Schlechten zu suchen.
Aus eben jener Sehnsucht heraus sind auch unsere Religionen entstanden. Sie haben sich meist auf Einzelne von uns berufen, die anders gesprochen haben als wir, als seien sie den Apfel wieder losgeworden oder hätten nie von ihm abgebissen. Jetzt hat es auch Wörter gegeben für das Ewige, Absolute: Gott, Allah, Nirwana. Aber auch wenn wir uns noch so gesehnt haben nach der unzerbrechlichen Geborgenheit, haben wir doch, erschrocken über den durchschimmernden Gedanken, dass wir den Schatten, der uns durch die Welt treibt, selbst erfunden haben sollen, auch die Religionen der Macht unseres in Gut und Böse unterscheidenden Denkens unterworfen und haben sie oft sogar besonders stark das Schlechte und Böse betonen lassen.
Aber auch damit sind wir noch nicht am Ende gewesen, mein Freund, ich sehe Dir an, Dir ist das jetzt auch peinlich wie mir, Du weißt schon, was jetzt kommen muss: das Geld natürlich. Niemand gibt das ja zu, aber ist es nicht so, dass wir dem Geld, das zwar auch hin und wieder in die Krise kommt, aber prinzipiell doch immer da ist, klammheimlich unseren Glauben geschenkt haben als dem Wert, der der Ewigkeit, mal realistisch betrachtet, noch am nächsten kommt? Peinlich, wie gesagt, aber ich fürchte, da ist was dran. Man sagt: „Geld allein macht nicht glücklich“ und meint wohl die Erfahrung, dass man noch niemanden getroffen hat, der wirklich froh geworden ist am Geld, aber so ganz hinten, wo’s keiner sieht, versteckt sich da nicht die leise Hoffnung: „Ich könnte ja der Erste sein“?
Hier sind wir also am Boden unserer Hoffnungen angekommen und am trübsten Punkt unseres Vergessens, da, wo wir für das Gute glauben bezahlen zu können und so den Schatten des Schlechten loszuwerden.
Nur manchmal, in einem glücklichen Moment, vielleicht noch seltener als die Liebe, haben wir auch unser Geld verschenkt, ganz ohne Hintergedanken, ohne etwas dafür haben zu wollen, ohne jede Berechnung. Überleg‘ mal, wie selten das wirklich so gewesen ist! Aber es ist vorgekommen. Und auch in diesen Momenten haben wir den alten Boden wieder gespürt, und die Freude einer wenn auch noch so flüchtigen Erinnerung.
Mit den Wörtern war es doch nicht anders: vielleicht haben wir das am seltensten erlebt, aber manchmal hat jemand dankbar zu uns gesagt, dass wir ein gutes Wort für ihn gehabt hätten. Da haben wir ihm vielleicht in diesem Moment nur einen Fehler, den er uns gegenüber begangen hat, nicht angerechnet, haben die Schuld, diese Fallgrube des Geistes, gar nicht im Sinn gehabt, während wir mit ihm gesprochen haben. Oder haben seine Not, in der er sich an uns gewandt hat, zwar gesehen, aber haben uns nicht von ihr verführen lassen, haben über sie hinwegschauen können zu ihm hin und sind ganz unvermittelt dem Großen-Ganzen wiederbegegnet, in ihm und in Allem um uns herum, als sei es das Natürlichste der Welt.
Sag‘ nicht, du hast das nicht erlebt.
Eigentlich haben wir doch nie aufgehört, über Gott nachzudenken – weil wir ja gar nicht anders können.

Oder welches Wort hast Du für das Unvermeidliche?

( 15.07.2013 )

Unallein

 

Aber Er ist hier, der MENSCH,
Der Dich nie alleinelässt!
Er hält seine Hand unter Dich
Als Deinen Boden,
Und über Dich als Dein Dach.

Er ist Dir Wand und Fenster,
Und offen steht seine Tür
Für jedermann,
Dir zu begegnen in seinem Haus.
Er ist hier, wo Du bist.

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