Autor: Michael

Wie meinen ??

Dein „Janein“ an mich ist wie ein Spiegel,
In dem ich mich erkenne
Als unbegrenzt und frei
In all den wunderbaren Möglichkeiten,
Es zu verstehen.

Vorschnellem Urteil ist’s ein Riegel,
Auf dass ich erst benenne,
Was denn sein Sinn wohl sei,
Wenn Augenscheines Sicherheiten
Restlos mir vergehen

Und Weisheit stellt sich zuverlässig ein:
Es ist ein „Ja“ oder vielleicht doch auch ein „Nein“.

*

Hinter Glas

Plötzlich war da eine Art Glaswand zwischen ihnen, alles Vertraute war wie weggeblasen, eine Eiseskälte kroch in ihr hoch und strömte mit einem leisen Sirren über ihre Haut nach außen, wo sie an dem Glas, das die Nähe zwischen ihnen ersetzt hatte, kleine Eisblumen bildete, die sie sogar hätte schön finden können, wenn nicht so viel auf dem Spiel gestanden hätte …

„Wir müssen Sie nach Lage der Dinge jetzt leider doch operieren“ hatte der Arzt gerade gesagt, und hatte sie damit auf dem falschen Fuß erwischt: wie vom Blitz getroffen saß sie da. Als die Gedanken wiederkamen, versuchte sie sofort, irgendeine Ordnung in sie hineinzubringen. Alles schien doch gut zu laufen, ihr kleines Problem heilte fröhlich vor sich hin, und gestern die Routineuntersuchung … nicht einmal als blasser  Gedanke war in ihr die Befürchtung aufgestiegen, dass dabei irgend etwas Beunruhigendes herauskommen könnte.

Marie blickte ihrem Arzt mitten in die Augen, deren Ausdruck sie zu diesem Zeitpunkt  uninterpretiert ließ, noch hatte sie keinen festen Boden unter den Füßen und fürchtete um ihre Kontrolle. Sie waren sich durch die wenigen Gespräche während der vergangenen Begegnungen näher gekommen, auch und vor allem in ihrer beider Auffassung von der heilsamen Wirkung der Leichtigkeit und Freundlichkeit, mit der man gesundheitliche Probleme anschauen sollte. Über die inneren Kräfte der Heilung war viel gesprochen worden, und wenn auch Marie gedanklich in dieser Hinsicht wesentlich weiter ging als ihr Arzt, so war doch auf einer gewissen Ebene ein Einvernehmen spürbar gewesen, das zu eben jener Vertrautheit geführt hatte, die jetzt den plötzlichen Kältetod gestorben zu sein schien.

Operation! Nicht die Tatsache, operiert werden zu sollen an sich war so schockierend für Marie, sondern die unvorbereitete Konfrontation mit dem Willen des Arztes, der mit dem ihren nicht zu vereinen war: sie würde sich nicht operieren lassen, dazu gab es in ihr ein eindeutiges „Nein“, das immer dann unmittelbar und klar in ihr die Antwort gewesen war, wenn sie in den vergangenen Wochen über eine solche Situation nachgedacht hatte, wie sie jetzt eingetreten war. Dieses „Nein“ hatte sich wie ein ganz schlichtes „Ja“ angefühlt zu einem guten Weg.
Sie würde sich jetzt gerade machen müssen, um ihren Willen durchzusetzen, und sie wusste, dass es dafür nötig war, sich von der Reaktion des Arztes auf ihre Weigerung vollkommen unabhängig zu machen. Gleichwohl merkte Marie, wie sie anfing, zwischen den Eisblumen Verbindungslinien zu ziehen, wie sie Konstellationen erfassen wollte und mögliche Szenarien durchzuspielen versuchte in dem verzweifelten Bemühen, wenigstens etwas von dem Wohlwollen des Arztes für sie zu retten, wenn sie jetzt gleich „Nein“ sagen würde.

Wie lange schauten sie einander schon an? Zehn Minuten? Eine Stunde? Eine Ewigkeit? Hätte man die Zeit gemessen mit einem unbestechlichen Chronometer, wären wahrscheinlich nur zehn, höchstens fünfzehn Sekunden dabei herausgekommen.
Sein Blick schien ihr hinter der Glaswand jetzt wie lauernd, freundlich zwar, aber auf entschiedene Distanz gegangen zu ihr: dort saß der Experte, hier die Beurteilte, und die Angst, die in dieser Situation enthalten war, gehörte, so schien sein Blick ihr mahnend zu sagen, definitiv auf ihre Seite der Wand.

Und dann … ein Moment der Erinnerung … an eine Alternative …  und sie ließ einfach alles los: die Eisblumen, all die Verbindungslinien, die sie zwischen ihnen gezogen hatte und die das Glas schon fast undurchsichtig hatten werden lassen, die Glaswand selbst, die allein sie zwischen sich und ihren Arzt aufgerichtet hatte, was ihr überdeutlich wurde, als sie sie losließ …  all das fiel einfach von ihr ab.

Und nur noch ein Gedanke schien zwischen ihr und dem Arzt zu stehen: In DIR IST keine Angst!

Hatte sie diesen Gedanken gedacht oder er? Und was war gemeint mit diesem „DU“? Der Arzt, die Operation, die Hierarchie der Situation, sie selbst? … Wie ein letzter Eishauch durchzog sie diese Frage nach dem Ort des DU, ein Hauch der Kälte, der aus ihr wich und kein Medium mehr fand, Gestalt anzunehmen, sich nur noch verströmte, um der Wärme des Vertrauens wieder Platz zu machen, die sie für einen Moment hinter ihre Glaswand verbannt hatte.

„Es sei denn“, hörte sie ihren Arzt freundlich sagen, „Sie haben das sichere Gefühl, eine Operation sei für Sie nicht die richtige Maßnahme, manchmal kennen die Patienten ja den besseren Weg als ihr Arzt. Dann würde ich selbstverständlich voll hinter Ihnen stehen!“.
Er hatte es schon gewusst. Und sie musste ihr „Nein“ nicht einmal selbst aussprechen: „Ich sehe Ihnen ja schon an, wie Ihre Antwort ausfällt“, lächelte er, und ihr blieb nur ein wortloses Nicken, in dem sich sein Lächeln niederließ und zu ihrem wurde.

Überglücklich verließ sie die Praxis, berührt von der Einfachheit der Lösung eines Problems, das im wahrsten Sinne des Wortes überhaupt nicht existent gewesen war. „Leichtigkeit“ und „Freundlichkeit“: wie eine Vorbereitung auf diesen einen Moment zwischen Arzt und Patientin wirkten jetzt die Gespräche auf sie, die sie zuvor geführt hatten. Und immer noch war der Raum um sie offen und weit.

*

Ihr Blick fiel auf einen Bettler, der an der Straßenecke hockte wie in einen endgültigen Stupor versunken. In ihrem Gefühl, die Welt umarmen zu wollen, ging sie zu ihm hin und legte ihm eine Münze in seinen Pappbecher. Da hob der Mann den Kopf, blickte sie an und streckte ihr die Hand hin, um sich zu bedanken. Sie nahm seine Hand, die übersät war mit Dutzenden kleiner Wunden und sich anfühlte wie ein lebloses Stück rissigen Holzes, derb und scheinbar undurchdringlich für jedes Gefühl, als hätte sie seit langem nichts Lebendiges mehr berührt.
Die Hand schloss sich um die ihre, und sie ließ es geschehen.
Jetzt schien der Mann sie wieder freigeben zu wollen, aber er öffnete seine Hand nur halb, nahm  jetzt behutsam Maries Finger, um mit unfassbarem Zartgefühl ihren Handrücken zu seinen Lippen zu führen und ihn zu küssen. Diese Lippen hatten ganz offensichtlich lange, allzu lange nur noch dazu gedient, sein lückenhaftes und faulendes Gebiss zu verbergen, und sie waren ebenso aufgerissen wie seine Hände.
Sein Kuss aber war nicht von dieser Welt, und Marie nahm ihn an als das, was er war: eins der Wunder, die geschehen, wenn die Glaswand der Zweifel an der Anwesenheit einer ewigen VERTRAUTHEIT zwischen uns einfach nur … übersehen wird.

*

Ganz in der Nähe

Wo ist der Ort, an dem ich sag‘: „Ich bin am Ziel“?
Wann bin ich angekommen?
Was muss gescheh’n, dass ich nicht weiterwill?
Hab‘ ich versagt, bin vom Erfolg längst ausgenommen?

Ist denn genug von mir verstanden,
Wozu wir unterwegs und was der Sinn?
Was sind denn meine Mittel, anzulanden
DORT, und ob ich wohl willkommen bin?

Du scheinst die selben Fragen mir zu stellen,
Als ob in deinem Blick den ORT ich sähe,
Im selben Boot, im Auf und Ab der hohen Wellen:
Wohin wir unterwegs, ist GANZ in unsrer NÄHE.

*

Pas de deux

Wie Maria zum Kinde kam ich durch einen unvorsichtigerweise in Versform abgegebenen Kommentar, den ich – von den Musen der Poesie wehrlos hinfortgetragen – mich erdreistete, unter die bezaubernden Zeilen der allseits geschätzten Findesatzschatzhüterin Marion zu platzieren, zu der Ehre und dem Vergnügen, ein kleines, feines Tänzchen mit ihr aufführen zu dürfen zu einer Musik, die einfach irgendwie da war und die Schritte wie von selbst lenkte, Gott sei Dank, möchte man sagen, wenn man mein unvorhandenes Talent zum Tanzen in die Gesamtschau dieser Situation mit einbezieht.
Hier also das Ergebnis, Marion beginnt:

*

Jeder Tanz ist Verwandlung
Alle Wellen der Meere wohnen in ihm
Verlier dich um dich zu finden
Jeder Tanz ein Ja zum Leben
Wenn du tanzt
erkennt selbst der blinde Engel deine Sprache

Was sieht der blinde Engel?
Dass du in deinen Tanz die Wolken mit einbeziehst
Und den Regen, die Bäume und den Wind
Alle, die nicht zu tanzen glauben und sich vergeblich
versuchen zu verschließen
Die Musik die sie dennoch umgibt
Und die der Engel hört, auch wenn er taub ist

Leg dich ins Leben
Mit all deinen Tönen
Hör dem Flüstern zu
Atme die Fülle
Lass das Unsagbare sprechen
Und fühl das Willkommen

Das die wahre Musik unseres Leben ist
Nur übertönt vom Lärm unserer Sorgen
Ängste und Nöte
Als sei es nicht – dies Willkommen
Der Ewigkeit für Dich und mich

Einen Hauch der Ewigkeit atmen
Zeitlos schön
Wunschlos für einen Moment, der anhält
Lass uns nach den Sternen greifen
Und fühlen, das, was vergeht, bleibt

Alle Bewegung wird zum Tanz
Aufeinander zu
Und Du sagst mir leis‘:
Das Auge täuscht,
Wir bleiben unzertrennlich.

*

Danke dir von Herzen, Marion! https://mbeyersreuber.wordpress.com/

Pipa

Gestern hatte ich das besondere Vergnügen und die einmalige Gelegenheit, von einer höchst attraktiven Dame einen Spiegel vorgehalten zu bekommen, in dem ich feststellen durfte, dass ich – „und das als Mann“ – offensichtlich über ein „zauberhaftes Lächeln“ verfüge, was mich nicht nur erstaunte und sehr glücklich machte, sondern darüber hinaus am heimischen Wandspiegel für mich absolut nicht mehr nachvollziehbar war und dadurch die geheimnisvolle Konnotation des Einmaligen bekam.

Aber der Reihe nach:

Ich konnte mal wieder auf einem kleinen, eigentlich ziellosen Rundgang „durchs Dorf“ der Versuchung nicht widerstehen, in den meiner Wohnung nahegelegenen Edeka-Markt einzutauchen, um dort einen dieser fast schon unheimlich schmackhaften Tintenfischsesamsalate käuflich zu erwerben, dreifünfundneunzig, man gönnt sich ja sonst nichts. Das kann ich im Blindflug, wie man der bisherigen Schilderung vielleicht auch schon entnehmen kann.

Ich stehe also nahezu unmittelbar nach dem Einzug in den Supermarkt an einer der Kassen, meine kleine Trophäe des Lustprinzips in der Hand, bereit zu bezahlen.
Eigentlich sind gerade noch drei Kassen offen gewesen, aber just in dem Moment, als ich erscheine, fängt eine der Kassiererinnen mit einer Art Inventur an, die damit beginnt, ein Schild mit der Aufschrift „Kasse geschlossen“ aufzustellen und die zweite verlässt gleich ganz ihren Arbeitsplatz.
Aber macht ja nichts. Stellen wir uns eben hier an. Es geht auch zügig weiter, prima. Jetzt fängt die Dame direkt vor mir an,  ihren – das muss ich allerdings sagen – üppig befüllten Einkaufswagen auszuräumen, vorsichtig so von oben runter, in der ersten Phase muss sie sorgsam darauf achten, dass die ausgeklügelte Architektur des Gebäudes nicht zusammenbricht und dessen Einzelteile außenbords gehen. Also sie hat schon zu tun damit. Die Jüngste ist sie auch nicht mehr, und darüber entsteht dann zunächst ein kleines, intimes Gespräch mit der Kassiererin, die ich als ohnehin sehr leutselig kenne und die ganz offensichtlich mit der betreffenden Dame schon lange vertraut ist, sie nennt sie schon mal „meine Süße“ oder „meine Kleine“ oder „Schnucki“. Ja, also die Luft, das wird auch nicht besser im Alter, sagt Schnucki zum Beispiel und dass sie ja immerhin auch schon achtzig sei. Das Ganze aber mit einer wunderbaren Heiterkeit, während sie in aller Seelenruhe ihre Sachen auf das Kassenband schaufelt.
Jetzt legt sie eine dieser Rabattkarten auf das Bezahlfeld, wenn es denn eine solche ist, so genau erschließt sich mir das nicht. In jedem Fall ist sie sehr bunt und ich lese einen wundervollen Namen darauf, der ja doch wahrscheinlich ihrer ist, obgleich ich das zu diesem Zeitpunkt auch nicht sicher wissen kann.

Inzwischen bin ich ja bereits aus dieser Geschichte längst wieder raus, bin auch im heimischen Spiegeltest bereits durchgefallen und habe mir erlaubt, den Namen zu gurgeln, wie man heute sagt, und ich habe feststellen dürfen, dass es sich tatsächlich um den Namen der besagten Dame handelt – eine Hamburger Malerin und Bildhauerin, hat mir das allwissende Netz zugeflüstert – die da in meiner kleinen Geschichte gerade vor mir steht und mit dem Ausräumen ihres Monatseinkaufs zu Ende gekommen ist.

„Marion Pipa von Froreich“ lese ich auf der „Rabattkarte“ und höre, wie diese unsere Kassiererin – welche ihr in aller Ruhe geholfen hat, den Bezahlvorgang erfolgreich über die Bühne zu bringen – „Mickymaus“ nennt und ein höchst ausführliches, geradezu zärtlich zu nennendes Verabschiedungsritual einleitet, an dessen Ende eine tiefe Verbeugung und ein „Ich wünsch‘ dir einen wunderschönen Tag“ seitens Pipa steht. Jetzt aber – von wegen „Ende“ – wendet sie sich mir zu, der ich in der fälschlichen Annahme, von ihr gar nicht bemerkt zu werden, dieser entzückenden Begegnung lediglich als stiller Beobachter beigewohnt habe.
„Und Ihnen auch“ sagt sie mir freundlich ins Gesicht und dann kommt er, dieser Satz, der mir seitdem sehr zu denken gibt so in die Richtung, was es denn eigentlich sei, das uns den Spiegel vorhält, auf dass wir uns erkennen:
„Ein so bezauberndes Lächeln“, sagt sie, „und das von einem Mann!“, wobei sie drei Finger zusammen nimmt und mit spitzen Lippen deren Kuppen küsst, woraufhin die Hand sich öffnet in einer Geste, die sagen will: „Ganz köstlich!“

Da bin ich natürlich von den Socken, breite in aller Wehrlosigkeit die Arme aus und verkünde wahrheitsgemäß: „Mein Tag ist gerettet!“ Dann geh‘ ich auf sie zu und streich‘ ihr mal eben meinen herzlich empfundenen Dank über den Arm. Dabei bemerkt sie, dass ich lediglich mit einem kleinen Tintenfischsesamsalat ausgerüstet auf die Chance warte, bezahlen zu dürfen und entschuldigt sich in gespieltem Entsetzen:
„Also wenn ich gewusst hätte, dass sie nur das eine Teil da haben, dann hätte ich Sie ja …“
„Aber nein, dann hätte ich Sie ja nicht erleben dürfen!“ antworte ich aufrichtig und sie ist ganz baff von der Einfachheit dieser Logik. „Stimmt“, sagt sie nur, nun ihrerseits entwaffnet und wehrlos in der Dankbarkeit des Augenblicks. Und es trennen sich lachend und froh Dreie, denen der Alltag eine solch wundervolle Gelegenheit eingeräumt hat.

Echt, Leute, das musste ich einfach erzählen. Pipa, ich liebe dich!

 

*