Autor: Michael

Nizza

Dein Auge, Welt,
es sieht mich an mit blinder Hoffnung und mit Argwohn,
darinnen all der Schmerz, das Scheitern und das Sterben,
es fragt mich, wie nur, wie das heilen?,
und will, was noch das Schlimmste ist, die Antwort nicht.

Weil es die Frage fürchtet.

Ob es sich denn erinnre, was die Quelle sei all dessen, was es sehe.

Da schließt sich’s fest zum Schlaf, wir werden morgen weitersehen.

Und bleib‘ ich einen Augenblick ganz ohne Dich, Du blinde Welt, im Dunkel.

Und bin doch da.
Und Du
Im LICHT.

 

*

Luftschifffahrt

So mancher Kahn
Mit stolz gesetztem Segel
Lebt‘ in dem Wahn
Dass in der Regel

das Wasser höher als sein Kiel;

Und pflügt‘ doch sehnlich
Nur das Himmelsblau,
An Farbe wasserähnlich,
An Tragkraft ungenau,

So dass er runter fiel.

Und die Moral von der Geschicht‘,
Die kenn‘ ich nicht.

*

Sieglos

Vom Portugiesenviertel her hört man bereits  die Vorboten des Feuerwerks, das sich kaum noch im Zaum halten lässt: die Vorfreude auf das bevorstehende Spiel gegen Frankreich liegt in der Luft. Zu diesem Zeitpunkt weiß noch niemand, dass Portugal dieses Spiel auch gewinnen und sich am Abend Europameister nennen wird, und ich, der ich den Biergarten des „Alten Mädchens“ in der Schanze betrete, bin obendrein vollkommen ahnungslos, wie das sein wird, den alten Freund wiederzusehen, nach genau zwanzig Jahren.

Und dann sitzen wir uns zwei Stunden lang gegenüber und sind vielleicht sogar ein bisschen erschrocken …
… und reden und reden: Du dies, ich das, wir damals und weißt Du noch? Wir jagen uns die Bälle ab, schlagen weite Flanken über das Feld der Erinnerung  und auf beiden Seiten fallen jede Menge Tore der besonderen Momente, welche die Augen aufleuchten lassen: mit dem klapprigen Opel Kadett durch Italien, Cappuccino con panna – war sie brünett? – Polonaise Blankenese morgens um halb vier mit Püppi, der Stationsschwester, durch den „blauen Raum“ der Intensivstation, auf der wir als Nachtwachen gearbeitet haben …

… und sind vielleicht sogar ein bisschen erschrocken darüber, dass die Nähe von damals eins zu eins wieder da ist – nein, das beinahe Unheimliche ist: sie ist immer noch da, ein Gefühl ununterbrechbarer Anwesenheit stellt sich ein.
Die Zeit hat keine Macht darüber – nicht die Bohne! Zwanzig Sekunden, zwanzig Jahre, das spielt gar keine Rolle. Es steht eins zu eins zwischen uns, und das ist das beste Ergebnis, mein Lieber, das wir erzielen konnten! Ich würde mal sagen: weltmeisterlich!!

 

*

Endspiel

Warum philosophiert der Mensch?

Hast Du schlechte Laune wegen gestern?

Nö, wieso, ich frag‘ nur mal.

Tut er doch gar nicht. Ich jedenfalls nicht!

Glaubst Du.

Weiß ich!

Glaubst Du zu wissen.

Und du weißt alles besser, was?

Ich glaub‘ nicht.

Dann kannst Du auch nicht wissen, dass ich nur glaube, zu wissen, dass ich nicht philosophiere.

Nein, kann ich nicht.

Siehst Du!

Genau.

Wie? Was jetzt?

Stimmt, was Du sagst: ich kann sehen, dass ich nicht wissen kann. Das ist vollkommen offensichtlich.

Ich kann wissen!! Z.B., dass ich diese Unterhaltung jetzt beende!

Glaubst Du?

Aber auf sicher!

Aha! Jetzt hast Du zugegeben, dass Du nur glaubst.

Wissen, sicher glauben – also so ein tausendprozentiges Wissen kann es ja gar nicht geben.

Also philosophierst Du: Du beantwortest unentwegt die Frage, an was Du glauben willst.

Zwei und zwei ist vier!

Per Übereinkunft.

Da hinten steht ein Baum!

So nennen wir das, was wir mit Augen sehen.

Morgen geht die Sonne wieder auf!

Und wenn nicht?

Ach komm! Das wird sie tun!

Glaub‘ ich ja auch!

Deutschland ist im Halbfinale ausgeschieden!

Stimmt! Eine kosmische Ausnahme! Das kann man wirklich wissen!

Und Du hast doch schlechte Laune! Worauf willst Du eigentlich hinaus?

Ich weiß nicht. Das ist es ja eben!

 

*

Die Ruhe selbst

Als sich ihre Nervosität im Wartezimmer
schon hochschaukelte zur Angst,
die auf dem besten Wege in die Panik war,
als sie schon auf die Tür schielte und an Flucht dachte,
kam ihr etwas in den Sinn, es war plötzlich da,
als Gedanke, fünf Wörter nur, aber lebendig und unschuldig wie ein Neugeborenes:
„Ich bin die Ruhe selbst!“
Und in ihrer Hand sah sie den Stift, den sie bestimmt zwanzig Minuten lang zwischen ihren Fingern gedreht und gewendet  hatte, um ihre Nervosität zu lindern,
wie er ganz ruhig darin lag,
und die Hand ihn einfach barg,
und er die Hand, das war, was ihr auffiel: der Stift barg auch die Hand.
Und da wurde ihr klar, dass sie versucht hatte, den Ausgang aus der Angst allein und für sich allein zu finden, Bedingungen gestellt hatte für das Erscheinen der Ruhe.
Sie war doch im Recht damit gewesen, dachte sie noch: schließlich würde es ihr möglicherweise hier gleich an den Kragen gehen, aber lächelnd bemerkte sie, dass dieser Gedanke nicht mehr als eine kleine dunkle Wolke war, die sich vor die Sonne schieben wollte, um zu behaupten, es gebe diese nicht.
Behutsam legte sie den Stift auf den kleinen Tisch zurück, als ihr Name aufgerufen wurde, und begrüßte ihren Arzt mit ein paar freundlichen Worten, die sein Herz erwärmten.
Und hörte sich in aller Ruhe an, was er ihr zu sagen hatte.

*