Denkst Du!
Gedanken, die nur denken,
Die den Blick zur Erde lenken,
Zu den abertausend Sorgen:
Was war gestern, was wird morgen?,
Die das Licht sich leihen, um zu seh’n,
Tief verschuldet sich im Kreise dreh‘ n;
Gedanken, die nur denken,
Können eins nicht: sich verschenken.
Gedanken, die umkreisen,
Auf vieltausendfache Weisen,
Des Lebens undenkbare Mitte,
Sind im Kern die stille Bitte,
Dass das Licht sich ihnen gebe
Sie befreie aus dem Angstgewebe;
Gedanken, die so denken,
Wollen eins nur: sich verschenken.
Gedanken, die wie Lichter
Erhellen die Gesichter,
Enthüllen Dir Dein Wesen,
Aus Deinem Lebensbuch Dir vorgelesen:
Wo Du Dir Sorgen dachtest, Angst und Pein,
Gescheitert, unbeachtet, ohne Trost zu sein,
Wo Du des Lebens End‘ gedacht,
Hat ewig treu die Liebe über Dich gewacht.
*
Schwanensee
‚Ich war schließlich zuerst da!‘
Mein Ego ließ sich die Gelegenheit natürlich nicht entgehen, ein wenig zu meckern über die Zumutung, der es sich ausgesetzt sah. Ich hatte mich gerade auf eine der Bänke an der Alster gesetzt, um in aller Ruhe eines dieser überaus wichtigen Telefonate zu führen, derentwegen man sich gelegentlich fragt, ob es ein Leben vor dem Mobiltelefon überhaupt gegeben habe und falls ja, ob es dann allen Ernstes als lebenswert einzustufen sei. Es ging also um Dinge wie die genaue Standortangabe, die voraussichtliche Ankunftszeit am vereinbarten Treffpunkt und dergleichen mehr.
Während ich diese komplexen Themen mit meinem akustischen Gegenüber austauschte, hatten sich eine junge Mutter und ihre vielleicht fünfjährige Tochter neben mich gesetzt und irgendetwas tuschelnd miteinander besprochen. Schließlich blickte mich die Mutter, die direkt neben mir saß, während die Kleine sich hinter ihr versteckte, mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Vergnügtheit und Bitte um Nachsicht lag, an und sagte:
„Meine Tochter hat mich gebeten, Sie zu fragen, ob es Ihnen möglich sei, später zu telefonieren, sie würde sich gerne die Schwäne anschauen.“
Wie gesagt, ich meckerte ein wenig in mich hinein, ‚Wieso kann sie wohl ihre Schwäne nicht beobachten, während ich telefoniere?‘, derweil ich meinen Gesprächspartner auf später vertröstete und der Mutter verständnisinnig mit „Ja, klar doch!“, „Das kann warten.“ und „Gar kein Problem!“ antwortete.
Ganz wohl fühlte ich mich nicht in meiner Haut, zumal das Mädchen, von dem ich bisher eigentlich nur das Näschen gesehen hatte, jetzt aufstand, ein paar Schritte in Richtung der Schwäne ging, um sein angekündigtes Interesse auch zu beweisen, gleichzeitig aber immer wieder zu mir herüberschaute und mich schließlich, auf dem Rückweg zur Bank, von oben bis unten musterte. Nichts blieb da unbegutachtet, fast hätte ich meine Sitzposition korrigiert, um einen besseren Eindruck zu machen! Es kam mir allerdings auch in den Sinn, dass das Mädchen irgendeine Sorge habe, etwas schien es zu beschäftigten, mit dem es noch nicht zu Rande gekommen war. Schnell lief es die letzten Meter zur Bank zurück und versteckte sich wieder gründlich hinter seiner Mutter. Ich entschloss mich, aufzubrechen; vielleicht verunmöglichte ja schon meine bloße Anwesenheit das entspannte Beobachten von Schwänen! Mein meckerndes Ego lag zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits komplett entwaffnet am Boden und erwartete sein baldiges Ende.
Ich zog meinen kleinen, schon etwas abgetragenen Stadtrucksack über und wandte mich Mutter und Tochter zu, um mich wenigstens freundlich zu verabschieden. Wieder hatten die beiden etwas zu tuscheln und als mich die Mutter jetzt anschaute, war aus ihrer Vergnügtheit helle Freude geworden:
„Meine Tochter hat mich gebeten, Ihnen zu sagen, dass der Rucksack, den sie da aufhaben, der schönste sei, den sie in ihrem ganzen Leben gesehen habe“.
Da war ich mir nicht mehr wirklich sicher, ob es eine gute Idee gewesen war, jetzt zu gehen, denn womöglich handelte es sich um jenen Moment, von dem Goethe nur träumen konnte, als er Faust ausrufen ließ: ‚O Augenblick, verweile doch, du bist so schön!“
Aber natürlich ging ich trotzdem, nach einem kleinen Zwinkern nach jenseits der Mutter hin.
( 23.11.2012 )
Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei …
Die Wahrheit bleibt sie selbst,
Auch wenn ich lüge;
Die Liebe liebt Dich unbedingt,
Auch wenn ich Dich betrüge;
Die Hoffnung ist auf meiner Seite,
Aus meinem Glauben wächst ein Baum:
Mich Deiner Wahrheit liebend anzunähern,
Weckt mich aus meinem Traum.
*
Und dennoch fand ich Dich dort …
„Sei du gewiss, wenn Worte Atem sind
Und Atem Leben ist …“
lässt Shakespeare die Mutter Hamlets, Gertrud, diesem entsetzt entgegnen, als ihr Sohn sie gerade mit einer unfassbaren, bodenlosen Tirade aus Vorwürfen traktiert hat, die in ein unauflösliches Konglomerat aus messerscharfen, nadelspitzen, in sich widersprüchlichen Wortattacken mündet, was die Mutter schließlich vollends in die Ohnmacht jagt:
„ …hab’ ich kein Leben,
Das auszuatmen, was Du mir gesagt.“
Er scheint alles über uns gewusst zu haben, Shakespeare, der große Magier des Wortes, auch dies: dass Worte vernichtend sein können, wenn die Angst groß genug ist. Es steht zu vermuten, dass es die persönlichen Erfahrungen einer empfindsamen Seele mit Gewalt dieser Art gewesen sind, die ihn angetrieben haben, ein Universum aus Worten zu schaffen, ein Universum der Begegnung des Menschen mit sich selbst, dem Anderen und der Welt in all ihren Facetten, das wohl vollständiger nirgends in der Literatur zu finden ist. Er hat mit der Macht des Wortes die von Gewalt und Willkür bedrohte und zerbrochene Welt wieder in sich aufgerichtet, sein persönliches Königreich geschaffen, in dem trotz aller Dramen der Gedanke der Gerechtigkeit siegt.
Als Magier hat er sich selbst gesehen, was eines seiner letzten Stücke, ‚Der Sturm‘, zeigt, in dem er sich unzweifelhaft selbst beschreibt:
Prospero, der den Künsten und Wissenschaften zugetane Herzog von Mailand, wird von seinem herrschsüchtigen Bruder hintergangen und zusammen mit seiner schönen Tochter Miranda auf eine Insel verbannt. Dort vervollkommnet er seine magischen Fähigkeiten, wobei ihm der Luftgeist Ariel zur Seite steht, der dem Ankommenden zur Begrüßung einen Spiegel vorhält, in dem wir wohl auch Shakespeares Bild von sich selbst und seiner Macht über den Geist erkennen können:
„Heil, großer Meister! Heil dir, weiser Herr!
Ich komme, Deinen Winken zu begegnen.
Sei’s fliegen, schwimmen, in das Feuer tauchen,
Auf krausen Wolken fahren: schalte nur
Durch dein gewaltig Wort mit Ariel
Und allen seinen Kräften.“
Mit Ariels Hilfe bringt Prospero die Übeltäter in seine Gewalt und stellt nicht nur die rechtmäßigen Herrschaftsverhältnisse wieder her, sondern verhilft auch den Liebenden, Miranda und dem Königssohn Ferdinand, zu ihrem Glück. Auch hier ist die Welt also wieder aufgerichtet, in den Grenzen der Vorstellungen Shakespeares von dem, was man eine ‚heile Welt‘ gewohnt ist zu nennen.
Aber ist sie denn geheilt, eine Welt, in der im Namen der Gerechtigkeit auch viel vergolten, verachtet und getötet wird, um eigentlich immer nur dem Adligen, dem besonderen Menschen gewissermaßen wieder auf den Thron zu helfen?
Und was ist eigentlich mit Gertruds stockendem Atem?
Geht sie wirklich derart in sich verloren, erdolcht von Worten, erdrückt vom rasenden Zorn ihres Sohnes? Ist da etwas endgültig unheilbar in uns, gibt es wirklich kein Leben, in das wir auch unsere Ohnmacht hinausatmen können?
Shakespeare jedenfalls beantwortet Ohnmacht letztlich immer mit Macht, und seine Antwort auf die Schuld, die dunkelste Ecke des Menschseins, bleibt Vergeltung und Gerechtigkeit. Gleichwohl hat ihn das Wort selbst immer wieder an dessen eigene Grenze geführt, wovon die vielen mystisch anmutenden Stellen zeugen. In vielen Dialogen und in einigen der verwendeten Prophezeiungen kann man die Hoffnung auf einen Weg aus Ohnmacht, Schuld und Irrtum ahnen, der nicht Macht ist, Hoffnung auf einen Raum, in dem man nicht verloren gehen kann, aber bei dieser Ahnung bleibt es.
So findet etwa, nachdem Krieg, Täuschung, Verrat und Schuld seine Welt zerschlagen haben, Posthumus Leonatus, der Held in ‚Cymbeline‘, im Kerker seinen Tod erwartend, ein Buch mit einer Prophezeiung, die kommendes Heil verkündet.
Was auch als das Hindeuten auf die Heilkraft der die Welt und unser Denken über sie übersteigenden Liebe gelesen werden kann, lässt Shakespeare einen Wahrsager als verklausulierte Vorwegnahme kommender realer Ereignisse deuten. So bleibt Shakespeare der Magier, behält das letzte Wort, das keine höhere Macht über sich duldet:
„Wenn eines Löwen Junges, sich selbst unbekannt, ohne Suchen findet, und umarmt wird von einem Stück zarter Luft; und wenn von einer stattlichen Zeder Äste abgehauen sind, die, nachdem sie manches Jahr tot gelegen haben, sich wieder neu beleben, mit dem alten Stamm vereinen und frisch empor wachsen: dann wird Posthumus‘ Leiden geendigt, Britannien beglückt und in Frieden und Fülle blühend.«
*
Aus den Lautsprechern kommt von Klaviermusik begleiteter Gesang – wir sehen heute eine Aufführung des ‚Macbeth‘ von Shakespeare. Die Schauspieler haben bisher alles gegeben und mit beeindruckender Intensität die Atmosphäre von Verrat, Mord, Hoffnung und Verzweiflung auf die Bühne gezaubert. Wir sind an der Stelle, als der Königsmörder Macbeth zum zweiten Mal die Hexen aufsucht, um sich seine Zukunft prophezeien zu lassen. Eine der Hexen wird von Maike gespielt, der 22-jährigenTochter einer Familie, mit der ich in langjähriger Freundschaft verbunden bin. Das Leben hat ihr, wie auch den meisten ihrer Schauspielkollegen, ganz besondere Aufgaben zugeteilt, die sie gemeinsam mit ihrer Familie lernen musste zu meistern. Ein Rollstuhl hilft ihr, mobil zu sein und sie hat erreicht, so zu sprechen, dass man sie mit etwas Konzentration sehr gut verstehen kann. Das Theaterspielen ist eine ihrer Leidenschaften geworden, und sie hat hier im Theater viele neue Freunde gefunden, die gemeinsam mit ihr das Stück, das wir jetzt sehen, einstudiert haben.
Gerade ist also die Hexenszene gespielt worden, die bekannt geworden ist wegen ihrer täuschenden Prophezeiung: Macbeth hört, dass er nicht gefährdet sei, bis der Wald von Birnam auf seine Burg zukäme und er nicht getötet werden könne von einem Menschen, der von einer Frau geboren sei. Es sind Worte, die Macbeth sehr beruhigen, zu Unrecht, wie sich später herausstellen wird: das feindliche Heer wird sich getarnt mit Ästen und Zweigen aus dem Wald von Birnam der Burg nähern, und der ihn tötet, wird der per Kaiserschnitt geborene Macduff sein.
Die Schauspieler verharren in ihren Positionen, als die Szene beendet ist und die Musik beginnt.
Einen Moment lang muss ich denken: ‚Das geht nicht, das passt nicht zusammen, die Stimme hat einfach nicht die Möglichkeiten, die sie bräuchte, um das Lied zu singen’, aber mein Zweifel zerfällt zu Staub, als sich nach und nach die ganze Schönheit des Gesangs entfaltet, die Schönheit des Miteinanders von Klavier und Stimme, von Vater und Tochter, denn es ist Maikes Vater, der da spielt – er hat mir nichts davon erzählt, aber ich erkenne sein Spiel – und es ist ihr Gesang. Eine Träne steigt mir ins Auge, so viel Schönheit ist ihm fast zu viel, und es will verschleiern, was es sieht.
‚Yet I found you there’ … hat sie das wirklich gerade gesungen, am Ende des Liedes?
„Wenn eines Löwen Junges, sich selbst unbekannt, ohne Suchen findet und umarmt wird von einem Stück zarter Luft; und wenn von einer stattlichen Zeder …“
Als die Musik verklingt, scheint da eine wahrhaft mächtige Zeder zu stehen, die weiter hinaufreicht als Worte es je könnten, und ihr fehlt nicht der kleinste Zweig. Ein letztes Wort, so luftig schon, dass Magie es nicht mehr fassen kann, streicht sanft durch ihr Geäst:
„Du bist mein Atem, wenn ich liebe.“
( 10.11.2012 )
Alles ist Eins
Neulich kam ich an einer Mauer vorbei und dachte: wenn alles Eins ist, dann gibt es die gar nicht!
Ich blieb stehen und spielte schon mit dem Gedanken, der Sache mittels eines Selbstversuches auf den Grund zu gehen, indem ich aus vollem Lauf gegen das vermutlich inexistente Mauerwerk anrennen würde, gab mir aber zum Glück noch etwas Bedenkzeit.
Ich ging das Ganze logisch an: Wenn man voraussetzte, dass es eine absolute Wahrheit gab, dann konnte es keine Grenzen und damit auch keine Mauer geben. Absolut ist absolut! Dass ich mit diesem schwierigen Problem so schnell zu einer logisch eindeutig richtigen Lösung gekommen war, hatte zwar einerseits etwas Befriedigendes, gab mir aber leider auch den Schwung für eine weitere Frage, die ich mir besser nicht gestellt hätte: Was ist dann aber positiv dort, wo die Mauer nicht ist? Da ging mir doch die Luft aus, als ich merkte, dass die Logik in dieser Frage nur negativ sein kann: immerzu führt sie das Denken zu dem Beweis, dass nichts da sein kann, wo es absolut wahr sein will.
O.k., dann ist da Gott!, dachte ich und ging damit aufs Ganze; denn wenn das nicht griff, das war mir klar, wäre ich mit meinem Latein am Ende.
Die Logik aber schüttelte nur müde den Kopf und wies abwinkend darauf hin, dass wir jetzt aber doch sauber zu Ende denken wollten und da müsse man bei allem Respekt doch darauf bestehen, dass der Begriff ‚Gott‘ in einer absoluten Wahrheit genausowenig existieren könne wie die Mauer da vor mir. Himmel!!
Glücklicherweise erinnerte ich mich in diesem Augenblick an einen Ratschlag, den ich in einem Buch gelesen hatte: man solle alle Fragen die Wahrheit betreffend nicht im Alleingang versuchen zu beantworten, sondern die Wahrheit selbst antworten lassen. Ein etwas rätselhafter Rat zwar, aber dennoch irgendwie einleuchtend.
Er half auch hier, denn jetzt konnte ich die Mauer wieder ansehen als das, was sie für mich eben war: eine Mauer! Jetzt fand ich sogar, sie sei eine besonders schöne Mauer. Und … ja: irgendwie leichter schien sie mir geworden, was ganz bestimmt nicht daran lag, dass sie an Substanz verloren hätte in den letzten fünf Minuten, sondern daran, dass sie von meinen schweren Fragen entlastet war.
Und auch der von mir seit Kindheitstagen liebgewonnene und mit so vielen Assoziationen umgebene Begriff ‚Gott‘ hatte seine Freundlichkeit zurückgewonnen und war wieder das Fenster geworden, durch das ich zuversichtlich Antwort erwartend hinausschauen konnte.
Im Gehen tippte ich die Mauer dann doch mal kurz an. Nur zur Sicherheit.
( 27.10.2013 )