Autor: Michael

Am tiefsten Punkt des Strudels

„… Und sie haben mich alle einfach fallen lassen, wenn sie nicht mehr weitergewusst haben, so hab‘ ich das empfunden!“ Das ist es, was sie runterzieht wie ein Strudel und nicht mehr loslässt, bis ihr die Luft und der Lebensmut beginnen knapp zu werden. „Kein erklärendes Wort, schon gar kein entschuldigendes, niemand hat wirklich mit mir gesprochen, ich bin jedesmal einfach weitergeschoben worden“: „Wir können es nicht mehr ändern, Sie haben die Risiken gekannt, und Sie haben Ihre Einwilligung unterschrieben!“ Das hört sie, und sonst nichts.

Es beginnt mit einer einfachen Arthrose im rechten Knie, der späten Auswirkung eines kleinen Unfalls, welcher zwanzig Jahre zurückliegt. Die erste Operation misslingt, nach der zweiten infiziert sich das Gelenk, was einen monatelangen Krankenhausaufenthalt zur Folge hat. Dann muss sie mühsam wieder Gehen lernen. Die lange einseitige Belastung zerstört die Hüfte, eine künstliche muss eingesetzt werden. Ein Zahnarzt hält es nicht für notwendig, bei einer Zahnentzündung ein Antibiotikum zu geben, die Keime gelangen in die Blutbahn und infizieren wiederum das Knie, daraufhin liegt sie ein dreiviertel Jahr mit einer riesigen klaffenden Wunde im Krankenhaus. Es ist von Amputation die Rede. Schließlich wird das Bein nur versteift, ein rechtes Kniegelenk hat sie jetzt nicht mehr. Einsetzende massive Rückenschmerzen führen zu mehreren Operationen, deren Notwendigkeit fragwürdig bleibt und von denen keine auch nur die geringste Linderung ihrer Schmerzen bringt, ganz im Gegenteil, sie werden unaushaltbar.

„Ich bin wie über ein Fließband geschoben worden, mehrere Jahre lang. Und niemand von denen, die mich behandelt haben, hat in der ganzen Zeit auch nur ein einziges gutes Wort für mich gehabt, Verwandte hab‘ ich nicht mehr, ich bin ganz allein, wissen Sie!“

Da ist sie fast am Ende ihrer Kraft. Und in dieser Situation trifft sie den, von dem sie jetzt sagt, dass er ihr Retter sei, ausgerechnet der, der den vielleicht größten Fehler macht: Er operiert sie erneut, um Verwachsungen zu lösen, die aus den Narben der vorangegangenen Operationen resultieren und nach seiner Meinung die Schmerzen wesentlich mitverursachen.
Dabei durchtrennt er versehentlich einen wichtigen Nerv, irreparabel. Ihr bislang gesundes linkes Bein wird davon taub und nahezu unbrauchbar.

Dieser Arzt aber bekennt sich zu seinem Fehler. Er ist am Boden zerstört und zeigt das auch, es tut ihm einfach entsetzlich leid, dass er dieser Frau nur mehr Schmerzen zugefügt und sie endgültig in den Rollstuhl gebracht  hat, statt ihr geholfen zu haben. Er spricht von sich aus die Möglichkeiten einer Klage gegen sich an, um wenigstens einen finanziellen Ausgleich zu erwirken. Und er verspricht ihr, dass sie mit allen Fragen und Problemen, die sie haben wird, jederzeit zu ihm kommen kann.

Der Strudel verliert seine Kraft und sie taucht auf. Sie verzichtet auf eine Klage. „Ohne ihn hätte ich den Mut verloren“, sagt sie, diesen Mann kann ich nicht verklagen. Manchmal ruft er sie an und erkundigt sich nach ihr. Sie ist auch schon bei einigen Vorträgen mit dabei gewesen, in denen er ihren Fall als Beispiel fehlerhafter Behandlung vorgestellt hat. „Es kann ja passieren“, sagt sie, „wir machen alle Fehler, auch große“.

Den wesentlichen Fehler aber haben sie beide nicht gemacht: sie haben die Gelegenheit nicht ausgelassen, zu vergeben!

*

Fensterblick

Weißt Du, wie wir da am Fenster standen,
Zwischen uns noch eine gute Handbreit Raum,
Schauten nur hinaus und schwiegen,
Oder … jedenfalls redeten wir kaum,

Und jetzt, nach all der langen Zeit,
Selbst, wenn ich niemals mehr Dich sähe,
Ist sie noch und bliebe mir die Selbe:
Unfasslich Deine Nähe!

*

Die Gedanken sind frei!

„Mami, sag‘ mal …“,
„Frag‘ nur, Kind!,
Fragen bildet …“,
„Wo denn die Gedanken sind?“

„Du bist gut,
Ich denke doch: im Kopf!“
„Bist du sicher, Mami,
Wie im Suppentopf?“

„Nein, so nicht,
Das ist viel komplizierter!,
Frag‘ doch mal Papi,
Immerhin hat ja studiert er!“

„Der weiß es auch nicht,
Hab‘ schon gefragt,
Gedanken sind zu klein, um sie zu finden,
Hat er nur gesagt!“

„Was denkst denn du,
mein liebes Kind?“
„Ich glaub‘, dass – lach‘ nicht, Mami! –
einfach überall Gedanken sind!“

🙂

Ein König in Deutschland

Das Thema geht mir schon den ganzen Morgen durch den Kopf und will mich nicht loslassen: Krieg, Not, Flüchtlinge, Asyl, Einwanderung, und vor allem: Hilfe, wo muss sie anfangen, wo darf sie aufhören, was ist überhaupt Hilfe, wofür ein „Ja“, wofür ein „Nein“. Das ist solch eine Gemengelage im Moment, dass mir der Kopf schwirrt und sich die Antworten anfangen, gegenseitig zu jagen.
Plötzlich alles rot, höchste Alarmstufe, gleich explodiert wahrscheinlich was, oder ich werde manövrierunfähig und knalle gegen den nächsten Baum oder … aber das signalrot hektisch blinkende Batterie-Symbol beruhigt mich mit seinem vertrauenerweckenden Plus und Minus: entweder ist die Batterie hinüber oder die Lichtmaschine, jedenfalls keine Lebensgefahr.
Was tun?
Es ist mal wieder, wie immer in solchen Fällen, Sonntag. Trotzdem versuche ich Elmir, meinen Werkstattmeister anzurufen – ein Genie unter den Schraubern – vielleicht hat er heute seinen Basteltag. Hat er nicht, aber wir erarbeiten gemeinsam die für mich zwar zeitaufwendige, aber immerhin zielführende Strategie, dass ich meinen Halbfranzosen jetzt gleich vor sein Werkstatttor fahre, ohne vorher noch einmal den Motor auszumachen, und er sich dann morgen gleich um ihn kümmern wird.
Und das heißt für mich, dass ich an diesem wunderschönen, sonnigen Sonntagmorgen, es ist zehn Uhr, statt zum Frühstücken in eine ganz besondere Gegend Hamburgs fahren werde: die Billstraße. Neulich gab es einen Artikel in der Zeitung, in dem die Billstraße als „Parallelwelt“ und „Billig-Basar“ bezeichnet worden ist. Und in der Tat sieht man hier wochentags schon auf dem Gehweg Möbel, Fahrräder und Kühlschränke stehen, und in den zur Straße hin offenen Hallen entdeckt man alles von der Taschenuhr bis zum zwei Meter hohen Grinse-Buddha. Auf den Hinterhöfen werden Elektrogeräte, Spielzeug und Kleidung gehandelt und wenn man noch weiter ins Hinterland vordringt, vorbei an Bergen gebrauchter Autoreifen, gelangt man zu den zahlreichen Garagen, in denen v.a. Autoteilehändler und Mechaniker auf engstem Raum ihrer Arbeit nachgehen. Wie eben auch Elmir, das Schrauber-Genie. Sein Nachbar, ein ausgesprochen lebenslustiger Russe, hat mich bei meinem letzten Besuch so angesprochen: „Bist du Deutscher? Der letzte Deutsche war vor zwei Monaten hier, und der musste wieder ausreisen, er hatte kein Visum!“ Und dann hat er sich über seinen eigenen Witz minutenlang ausgeschüttet vor Lachen und uns alle damit angesteckt. Es ist kein schlechter Begriff: Die Billstraße ist eine Parallelwelt.

Aber heute ist Sonntag, und wirklich niemand scheint hier zu sein: die Rolltore der Hallen sind heruntergelassen, keine Waren stehen auf den Gehwegen, die Bäckerei, in der ich schon manche Wartezeit verbracht habe und auch der Imbiss, den ich bisher nur als von Menschen umlagert kenne: geschlossen. Hier ist niemand. Menschenleer, die Parallelwelt ist heute eine wahre „Desert City“.
Nun, ich muss mit meinem havarierten Gefährt also besagten Weg über die Hinterhöfe nehmen, Elmirs Garage ist ganz hinten rechts. Einen Moment lang wollen Bedenken hochkommen: vielleicht ist es doch ein bisschen einsam, ist das hier sicher genug für mich? Aber nein, ich sage mal: die Sonne scheint. Und es ist Sonntag. Was kann denn da schon passieren!
Auch auf dem Hinterhof niemand zu sehen. Ich stelle meinen Wagen wie verabredet an seinen Platz, räume meine Sachen zusammen und will gerade gehen, als sich die Holztür eines kleinen gemauerten Gebäudes, das neben Elmirs Garage diese kaum überragt, quietschend öffnet. Heraus tritt ein junger Mann dunkler Hautfarbe ( ich werde nie lernen, wie man im Augenblick politisch totalkorrekt sagen soll ) also sehr dunkler Hautfarbe, in T-Shirt, rot-blau-gestreiften Boxershorts und Badelatschen, der mich freundlich grüßt, als sei ich hier der liebe Nachbar. Seelenruhig beginnt er, die nasse Wäsche, die er auf seinem linken Arm trägt, mit rechts zum Trocknen über eben jenen Drahtzaun zu hängen, der den Bereich der Garagen von dem Autoreifenareal trennt. Jede seiner Bewegungen sagt in absoluter, ungebrochener Sicherheit: „Ich bin hier zu Hause“, heimeliger kann ein Anblick nicht mehr sein.
Er fragt nicht, was ich hier wolle, alles ist o.k., wir sagen freundlich „tschüss“, wie nette Nachbarn das eben tun, und ich winke ihm noch mal von jenseits des Autoreifenberges zu, als ich wieder auf die Straße zurück gehe, um mir eine Taxe zu bestellen.
Da sitze ich nun wartend auf der Eisentreppe zur Rampe einer der Verkaufshallen, wo ich sonst oft den Chef habe sitzen sehen, wie er ein Bündel Geld durchzählt oder seinen Kaffee schlürft, und das kleine Erlebnis von eben bringt mir mein Thema dieses Morgens wieder in den Sinn: Multikulti: geht das? Wie geht das? So, im ganz Kleinen wie eben, geht’s schon mal, denk‘ ich.
Ich fange schon wieder an, die Fragen und Antworten durchzumischen, die dieses Thema hervorbringt, als ein ausgesprochen hübsch gekleidetes kleines Mädchen ebenfalls (sehr) dunkler Hautfarbe  plötzlich um die Ecke des Gebäudes kommt und etwas verstört zuerst,  mich auf der Treppe sitzen zu sehen, dann aber doch sein herrlichstes Kinderlächeln  schenkend  an  mir vorbeihüpft, gefolgt von drei in farbenfrohe Festtagsgewänder gekleideten Frauen, die sich angeregt unterhalten und meinen Gruß kurz erwidernd vorübergehen.
Und dann er! Zunächst denke ich, er gehöre gar nicht zu den Frauen und dem Kind, da er sich von der anderen Straßenseite her nähert. Er ist vielleicht fünfundvierzig Jahre alt, sein schlanker, kräftiger Körper ist in einen dunkel-anthrazitfarbenen Maßanzug gekleidet, der an ihm hinunterfällt wie Wasser, die Manschetten seines weißen Hemdes schauen aus den Jackettärmeln, als käme er gerade vom Stylisten, Krawatte und Einstecktuch feuerrot wie das Temperament, mit dem er jetzt mit Bewegungen, die ein Europäer niemals auch nur wird imitieren können, über das Kopfsteinpflaster dieser Billigweltstraße geht, und aus der Parallelwelt einfach mit seiner Präsenz die Welt macht, die einzige.
Als die Frauen ihn in ihrer Sprache anrufen, wirft er lachend den Kopf in den Nacken: Ein König in Deutschland, kein König der Asylanten oder Einwanderer, nein, auch kein König der Deutschen, für diesen einen Moment: ein König der Freude des Lebens an sich selbst.

Und für diesen selben einen Moment habe ich alle Antwort.

*

Flucht ans rettende Ufer

Es ist Sonntagmorgen, sieben Uhr, die Stadt schläft noch, ich sehe nur einige Spaziergänger, Jogger, Heimkehrer aus durchfeierter Nacht, die Tür einer Bäckerei öffnet sich und jemand schleppt mühsam und verschlafen eine Werbetafel nach draußen, Herbst liegt in der Luft, ein paar Blätter segeln mir unmissverständlich entgegen.
Ich nähere mich mit meinem kleinen, roten Fünfundsiebzig-PS-Halbfranzosen einer großen Straßenkreuzung, an der es zu einer außerordentlichen Begegnung einer Schicksalsgemeinschaft kommen wird, auf die mich die unspektakuläre Normalität dieses Morgens in keinster Weise vorbereitet hat.
Das gemeinsame Schicksal der fünf Menschen, die sich hier begegnen, ist schlicht und ergreifend dies: Da sie aus verschiedenen Richtungen kommend ganz unterschiedliche Absichten haben, was ihren weiteren Weg angeht und die Ampeln für alle gleichzeitig Grün zeigen, müssen sie sich einigen, wie sie am besten und unbeschadet aneinander vorbeikommen.
Als ich die Kreuzung erreiche, um nach links abzubiegen, bietet sich mir ein beeindruckendes Bild: ein wirklich schon sehr alter Herr überquert gerade den Zebrastreifen eben jener Straße, in die ich einbiegen will. Er hat bereits etwa ein Drittel der Strecke hinter sich gebracht. Nur mit kleinsten Schrittchen kann er gehen, mit dem rechten Arm stützt er sich dabei auf einer Gehhilfe ab, den Blick nach unten direkt vor seine Füße gerichtet. Man erkennt sofort die totale Konzentration, mit der er zu Werke geht, um die Aufgabe zu bewältigen, sicher auf die andere Straßenseite zu gelangen, dabei aber auch einen gewissen Eigensinn und Stolz: „Ich kann das!“
Das eigentlich Beeindruckende aber geht von der Fahrerin des Wagens aus, der mir gegenüber steht, also aus der mir entgegengesetzten Richtung gekommen ist. Die vielleicht fünfundfünfzigjährige Frau am Steuer will ihrerseits rechts abbiegen, ihre Absichten kreuzen somit ebenfalls den Weg des alten Herrn. Ungewöhnlich ist der Abstand, den sie zu dem Zebrastreifen hält und auch, dass sie ihren Blinker nicht betätigt hat. Ganz ruhig steht ihr Wagen da, wartend, es geht nicht nur keinerlei Drängen von ihm aus, vielmehr vermittelt sich eine Einladung, der mühsam sich Weiterbewegende möge sich alle Zeit der Welt lassen. Und jetzt sehe ich, wie diese Einladung den alten Herrn erreicht und dass er sie dankbar angenommen hat: es ist, als orientiere er sich an der Freundlichkeit der netten Dame, und bewege sich in eben jenem Raum, den sie für ihn geöffnet hält. Irgendetwas lächelt an ihm, auch wenn ich sein Gesicht nicht sehe, das weiter konzentriert nach unten blickt.
Auch ich schalte meinen Blinker jetzt aus – ich stehe mitten auf der Kreuzung und dass ich links abbiegen will, ist für alle offensichtlich – und versuche, mich in diese wunderbare Szene einzufügen. Alles ist gut so, ein Aussteigen und tatkräftiges Helfen ist nicht nötig, so empfinde ich, alles ist gut.
Hinter mir halten jetzt zwei weitere Wagen, die ebenfalls wie ich nach links weiterfahren wollen, und ich merke gleich, dass mein „Alles ist gut“ nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, Nervosität erreicht mich, Ungeduld.
Es kommt, wie man es sich nur in einem schlechten Witz ausdenken sollte: In dem Moment, als die Fußgängerampel für den mit höchster Gesammeltheit Weitergehenden – er hat inzwischen die Hälfte des Weges geschafft – auf Rot umspringt, fängt der Fahrer des hinter mir wartenden Wagens an zu hupen, mehrfach und anhaltend: „Es ist Rot, Du darfst da gar nicht mehr rübergehen!“
Der alte Herr bleibt einen Moment wie angewurzelt stehen, seine Gehhilfe hat er an sich gerissen wie etwas ihm Anvertrautes, das er noch vor sich selbst bereit ist zu retten, dann besinnt er sich und geht weiter, Schritt für Schritt. Ganz kurz hat er seiner Beschützerin einen Blick zugeworfen. Dann geht es wieder. Er lässt sich von ihr führen. Sie ist ganz bei ihm, ich kann das deutlich spüren. Sie entscheidet sich auch jetzt, nicht auszusteigen und ihn am zu Arm nehmen, sie hält ihn ganz sicher, ganz stark ist sie bei ihm, so deutlich und klar, dass das Hupen nach der ersten Schrecksekunde keine Wirkung mehr hat, auch auf mich nicht.
„Blöder geht’s nicht“, muss ich dennoch denken und habe mich damit leider sehr getäuscht, denn jetzt, als sei das Hupen das Startsignal, schert der kleine Smart, der hinter dem Huper gewartet hat, nach rechts aus und schießt an ihm und an mir in einem weiten Bogen vorbei, zieht dann nach links und ist im Begriff, vor mir in Richtung Zebrastreifen abzubiegen und hinter dem alten Herrn her über die Gegenfahrbahn seinen Weg fortzusetzen. Es ist ja Platz genug, man kann das machen, technisch ist es möglich.
Ich denke gar nicht nach, ziehe nur zwei Meter nach vorn und verhindere so das Manöver. Das Gesicht der blutjungen Frau am Steuer ist so gleichgültig wie das einer Spielerin, die einen Zug versucht hat. ‚Hat nicht geklappt‘, sagen ihre Augen, ‚ich denk‘ schon über den nächsten nach‘.
Natürlich, jetzt bin ich fast soweit, die Galle will hochkochen. Aussteigen, Tür aufreißen und zur Rede stellen!
Aber da ist diese andere Frau, der ich jetzt durch mein Vorfahren noch näher gekommen bin, und der alte Herr, der sich diesmal nicht hat erschrecken lassen, wie es scheint. Ich spüre ihre Verbindung. Viel stärker, viel stärker als jeder Zorn! Und schließe mich ihnen wieder an.
Endlich erreicht der tapfere Herr das rettende Ufer. Noch einmal hebt er kurz seinen Kopf und blickt seinen Schutzengel an, sie nickt nur leicht als Antwort. Dann löst sich die Situation auf.

Wut. Sie ist da, wenn sie da ist, daran gibt es nichts herumzudeuten. Aber sie sollte ein „Pro“ sein, das kein „Anti“ braucht.
Sie sollte sich nicht als „Für“ auf die Seite des alten Herrn schlagen, wenn sie ein „Gegen“ die Krawallfahrerin benötigt, um dieses „Für“ überhaupt aufzurichten. Sie sollte nicht „für“ Flüchtlinge wüten, wenn diese Energie ein „Anti“ braucht, das lieblos Handelnde niedermacht, um die eigene helfende Hand dazu im Kontrast sehen zu können.
Die junge Frau hatte die Chance, ein Exempel des Vertrauens in die Stärke unserer inneren Verbundenheit erleben zu können, das das Potenzial hat, sie aufzuwecken. Und nur dafür sollte unsere Wut den Kanal offen halten, den Kanal eines Vertrauens, dass wir den Weg zum Erkennen unserer essentiellen Verbundenheit als Menschen, als Lebewesen, nie ganz verlieren können, weil dieses unser Einssein unsere Wahrheit bleibt, was auch immer wir denken mögen.
In einer derart kanalisierten Wut hört endlich das „Gut – und – Böse – Denken“ auf! Dann hilft Wut, Fehler zu korrigieren, auch die Fehler von Hasspredigern und Mördern, ohne auch nur ein Quäntchen an Deutlichkeit des „No-Go“ ihrem Handeln gegenüber zu verlieren. Im Gegenteil: Vertrauen in die unkündbare Liebens – würdigkeit eines Jeden macht Deutlichkeit erst wahrhaftig, weil sie ihre innere Klarheit nicht an oberflächliche Emotionen verrät. Es ist das Vertrauen, das keine Ausnahmen kennt. Und das ist das Ende des „Bösen“ und des „Guten“, das das Böse braucht, um zu existieren.

Wer in die Tiefen des eigenen Glases geschaut hat, weiß von einer Wahrheit, um die hier niemand herumkommt, was auch immer er denkt. Das ist freilich eine Behauptung, die ich aber aus Überzeugung aufstelle:
Bevor Du Deinen schlimmsten Feind nicht in diesem Sinne freigesprochen hast, hast Du Deine allerschlimmste Befürchtung nicht überwunden: dass am Ende der Reihe der „Bösen“, noch hinter dem Huper, hinter der Smart-Fahrerin und hinter … dass ganz hinten als allerletzter Du selbst stehst und vergeblich auf Vergebung wartest.

Geben wir allen, die in Not geraten, die Hand, freundlich und auf die Kraft unserer Verbundenheit vertrauend, die wir niemals aufkündigen können, und die uns erlaubt, mit aller Deutlichkeit auf Fehler, Blindheiten und Selbstvergessenheiten zu schauen und auf sie zu zeigen, ohne einen „Bösen“ zu brauchen, der unser Gutsein spiegelt.
Ich meine, das ist die einzige Art, auch besagtem „Letzten in der Reihe“ zu zeigen, dass er sich nur geirrt hat, wenn er geglaubt hat, er sei nicht ganz und gar der Liebe wert.

Das ist meine Vision vom „Weltbürger“.

 

*

Zornes Traum

Hörte Dich den Schwächeren verhöhnen,
Seinen Hilferuf verspotten,
Soll er doch sich an die Not gewöhnen!
Sah mit And’ren Dich zusammenrotten:

Flammen schlugen aus den Mündern,
Hass entzündete die Luft,
Dein Verstand versank in Reinkulturverkündern
Geistes pestverseuchter Gruft.

Antwort auf sein Flehen, seine Bitte,
– Und Du in erster Reihe, ganz weit vorn –
Waren dem am Boden Liegenden nur Tritte,
Da entflammte sich mein Zorn!

Malte rasend Bilder an die Wände,
Wünschte Dir den Rollentausch,
Dass versagt Dir seine Hände,
Dass Du leidest, wollt‘ mein Zornesrausch.

Merkte kaum das Licht entschwinden,
Wie es dunkel wurde um mich her,
Wollte mich dem Zorn, um wieder klar zu seh’n, entwinden,
Sank zu Boden, bleiern schwer.

Und im allerletzten Lichte
wurde ich gewahr,
Durch des Geistes traumverhang’ne Dichte,
Dass ich neben Dich und den Geschlag’nen hingesunken war,

Der jetzt aufstand, blutend noch vom Schmerzensdorn
Ging er zitternd hin zu Dir und mir und gab sein Licht,
Das uns sagte: Angst und Zorn
Lassen Euch vergessen, doch löschen können sie mich nicht!

*