Ich gehe manchmal in die Kirche. Regelmäßig, wenn ich aus meinem Körperertüchtigungsundquälclub komme, der an einer sechsspurigen Hauptverkehrsstraße gelegen ist, genau dem „Michel“ gegenüber, einer unserer Hauptkirchen und Wahrzeichen der Stadt Hamburg. Dann gehe ich ein paar hundert Meter durch den brüllenden Verkehrslärm, nein, nicht nach gegenüber zum Michel, ich bleibe diesseits und gelange so zu dessen kleinem Bruder, dem „Kleinen Michel“, einer der wenigen katholischen Kirchen hier. Tür auf, Tür zu, und dann diese Stille. Und heute, als ich da herauskomme – und das will ich jetzt einfach mal erzählen, es darf weitergeklickt werden – da kommt gerade ein etwa vierzigjähriger Mann vorbei, sieht mich aus der Kirche kommen und fragt: „Na, Gott gefunden?“, und ich: „Nein, aber Er mich!“ Er tippt sich an die Stirn und sagt weitergehend in verächtlichem Ton: „Spinner!“
Also gut. Das hat mich natürlich beschäftigt. Da wurde ja doch einiges verhandelt. Irgendwie kann ich die Emotion des Mannes nachvollziehen, er war bestimmt nicht in einem sehr ausgewogenen Gefühlszustand, sieht einen Mann im arbeitsfähigen Alter aus einer Kirche kommen und tippt sich an die Stirn: nichts Besseres zu tun?
Trotzdem, es bleibt mir eine kleine Traurigkeit: ich hatte ja ernsthaft geantwortet, ja, ich denke schon. Man hat so selten Gelegenheit, sich bei diesem Thema wirklich zu erklären. Und „wirklich“, das hieße in offene Ohren hinein.
„Gott“, „Kirche“, „Glaube“, lassen wir’s lieber! Also ich lasse es nicht, so viel ist sicher, aber der Austausch darüber, Himmel die Berge! Ich meine mit Austausch wahren Austausch, ich meine also Gespräch, und nicht den terminologischen Disput zwischen konkurrierenden Clubs: den Christen, Moslems, Buddhisten, den Philosophen und Esoterikern, diese weltanschaulichen Debatten, die ja nicht selten zum Kriegerischen hin tendieren, und die mir offen gesprochen gründlich zum Hals heraushängen: members only!
Als Kind hab‘ ich schon immer gedacht: Wenn es Gott gibt, dann für alle, sonst gibt es Ihn eben nicht. Und das gilt auch für die, die niemals einen Blick in die Bibel werfen, und das auch in Zukunft nie tun werden, oder den Koran nie gelesen haben, oder die, die gar nicht lesen können, was ist mit denen? Und für die sogenannten Atheisten muss das gerade gelten, die doch nur aus gutem Grund „nein“ sagen, weil sie sich nämlich lieber auf ihren Verstand als auf eine der unzähligen Interpretationen von „Allah“ ( = Der Eine Gott ) berufen.
Insofern bin ich auch ein Atheist!
Für mich ist „Gott“ ein Wort, das wir brauchen, um überhaupt von diesem Ort, dieser inneren Wahrheit in uns sprechen zu können, die uninterpretierbar, weil nur als Wahrheit erfahrbar ist.
Jetzt ist da schon wieder ein neues Wort fürs Selbe: „innere Wahrheit“: Hilfswörter der Suchenden, und Hilfsvariationen, um sich eben nicht von einem Namen wie „Gott“ in eine spezielle Vorstellungswelt einfangen zu lassen und dadurch wegzukommen von der Erfahrung, die gemacht werden muss. Andere sagen anders, haben andere Wörter, andere Hilfsmittel, ich finde das wunderbar: das Absolute will von allen Erscheinungen dieser Welt umkreist werden, um in Seinem Eigenen Licht gesehen zu werden.
Am gernsten (!) sag‘ ich „Liebe“ dazu. Aber meist nur so für mich. Da löst man in der Regel einen Sturm von persönlichen Assoziationen aus, wenn man Gott „die Liebe“ nennt. Unsere Wörter sind eben Deutungen, damit müssen wir leben. Ich lebe inzwischen gern damit, weil ich mir die einfache Frage stelle: worauf deuten sie denn eigentlich?
Trotzdem: Liebe. Das schönste Wort dafür, und ganz sicher, ich hol‘ mal Luft und sage: das wahrste.
Ich meine, wer „Gott“ nicht ganz verstanden hat, der erklärt ihn Dir. Der Ihn verstanden hat, nimmt Ihn an, so wie Er ist, und gibt Ihn Dir. Schon wieder Liebe, ich hör‘ jetzt auf damit! Oder nein: ich sage noch: diese Art Liebe.
Das wäre meine Formel. Du kannst ihn nicht finden, aber Er hat uns schon gefunden, hat uns nie verloren, das ist für mich „Wahrheit“.
Ich sag‘ das mal so offen hier, auch als Bekenntnis meines Glaubens, weil mir heute einerseits dieser Mann leidgetan hat, der noch an „Spinner“ glauben muss, weil er eine gewisse Verwirrung darüber, was wir im Innersten sind, offensichtlich mir und damit sich nicht eingesteht und damit auch nicht auf einen Weg aus der Verwirrung heraus, zurück in seine …, vertrauen gelernt zu haben scheint. Und weil das eine Gelegenheit für mich ist, jenseits aller Clubs kurz von einer Etappe meines Weges „dorthin zurück“ zu berichten: Tür auf, Tür zu, und dann diese Stille. Ich hab‘ Ihn nicht gefunden, aber Er mich, darin liegt für mich die Wahrheit.
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