Autor: Michael

Weggegeben

Gab Dir mein Geld, und sah Dich traurig,
Gab Dir mein Wort, es brach Dir doch!
Lauschte verständnisinnig Deinen Sorgen,
Und fragte irgendwann: was willst Du noch?

Konntest es und wolltest es nicht sagen,
Meintest: Ist doch schon weitaus mehr als nur genug!
Blieb mir ein quälend-abgrundtiefes Zweifeln:
All mein Geben sei nicht mehr als nur Betrug.

Ging davon mit Tränen in den Augen,
Holtest Du mich ein und nahmst mich sachte an der Hand:
Wir brauchen keine Worte, uns zu sagen,
Was Besitz erst, wenn es hingegeben, und uns
von jeher hat erkannt.

*

Schneemann

Auf einer Bank im Park, da sitzt ein kleiner Mann
aus Schnee,
Und blickt mich an, wie ich dies und das bedenkend
so vorübergeh‘.
Ein leises Tadeln? Kann das sein? Er schüttelt doch den Kopf,
ich seh’s genau!
Oh! Welch ein Irrtum, ich erröte:der kleine Mann aus Schnee
ist eine Frau!

*

Ein schlechter Mensch

Ich muss diesen Weg gehen, an dir vorbei, und zwar mehrfach.

Du hockst in der eisigen Kälte am Boden und bettelst mich an, hältst mir den leeren Pappbecher entgegen, murmelst Unverständliches, im Tonfall Klage und Bitte, und ein kleines Drohen im Hintergrund: ich nenn‘ dich „schlechter Mensch“, wenn du nichts gibst!
Ich geb‘ dir nichts. Nicke dir zu, sage „guten Morgen“, sehe, wie dein Gesicht einsinkt, als habest du mich nie angesprochen. Bin ich eben ein schlechter Mensch!

Keine fünf Minuten später, ich komme wieder an dir vorbei. Du erkennst mich tatsächlich nicht wieder, jedenfalls hat alles diesen Anschein: Dasselbe Betteln, dasselbe Gemurmel, derselbe Tonfall, wieder hebt sich der Pappbecher und kippt ein wenig nach vorne, so dass man gut hineinblicken kann: immer noch leer, scheinbar sind inzwischen nur schlechte Menschen hier vorbeigekommen. Diesmal grüße ich nicht, das hatten wir schon.

Wieder drei Minuten später, ich muss da noch mal längs, ich merke, wie mir der Gedanke unangenehm wird. Was ist mir denn eigentlich unangenehm? Ich seh‘ ihn da vorne schon sitzen, auch er hat mich gerade wahrgenommen, und eins ist klar: das wird sich ganz genau nochmal so abspielen. Was könnt‘ ich dir denn geben, was wir nicht schon hätten? Wir sind aus dem selben Leben! Ich merk‘ jetzt, was mir eigentlich unangenehm ist: dass ich ihm nämlich von Herzen gern etwas geben würde, aber was ich nicht will, ist „geben“ mit „bezahlen“ verwechseln. „Guter Mensch – schlechter Mensch“, solche Unterscheidungen sind doch längst ausgerutscht auf unserem Denken, das glaubt, für irgendetwas bezahlen zu müssen. Ist ein Mörder ein schlechter Mensch? Das kommt ja wohl darauf an, wer das beurteilt!
„Ist das nicht bisschen kalt da unten?“ frage ich ihn, angekommen.
Er hebt mir sein Gesicht entgegen in offensichtlichem Bemühen, seine Deckung nicht aufzugeben, antwortet im Tonfall jetzt freundlich, aber immer noch absolut unverständlich, das ist auch keine mir fremde Sprache, das soll einfach nur nicht zu verstehen sein. Aber dann, er schafft es nicht ganz, er kriegt’s nicht hin, trotz zweifellos langer Übung fällt ihm sein Abwehrschild aus der Hand. Und hinter einem Berg von Wirrsinn schaut mich pure Normalität an, einfache Gesundheit, dieser leise Strom steter Kommunikation ist zu spüren zwischen … „guten Menschen“ muss ich denken und „willkommen zuhause!“.
Und da hab‘ ich auch den Euro schon aus der Hosentasche gekramt und lass‘ ihn in seinen Becher fallen.
Er hebt die Hand zum Dank und ich die meine, und ja: vielleicht haben wir uns da tatsächlich was gegeben, Bruder! Geben funktioniert einfach nicht als Einbahnstraße, selbst wenn beide „was davon haben“, ist es nur Berechnung, die den Verlierer braucht für ihre Gewinnformel. Aber wenn wir uns in den „guten Menschen“ teilen, wo ist dann der Verlierer?

*

Traumschön!

Hatte einen schönen Traum,
Nur: wie ich den erzähle!?
Sag‘ ich’s so, Du glaubst es kaum,
Es wird nicht besser, wenn ich andre Wörter wähle.

„Träumte von des Lebens Baum“,
Wie das schon klingt!
Die eigentliche Melodie, der Worte tragend‘ Saum,
Dumpf in Ungesungenheit versinkt!

Solch Traum belastet nur die Seele, wie ich finde,
Der nicht zum Lied gereift!
Doch schau‘, oh Wunder, drüben auf der Linde:
Das Vögelchen von meinem Traum ein Liedchen pfeift!

*

Phönix aus der Asche

Er war nicht zu Hause gewesen, als der Anruf gekommen war. Zwanzig Minuten hatte er gebraucht für die Fahrt zurück zum Eppendorfer Baum, die Straße war abgesperrt gewesen, wo hatte er eigentlich den Wagen geparkt? Unwichtig, vollkommen unwichtig! Es war möglich, zwanzig Minuten lang nichts zu denken, das war ihm neu. Er hatte die Zeit seit dem Anruf mit Nichtdenken überbrückt, und die untrüglichen Zeichen am wolkenlosen Sonntagshimmel ignoriert, die ihm die Nachricht der Katastrophe so anschaulich illustrieren wollten. Jetzt erst, als er sich zu Fuß der bizarren Szene näherte, die sich ihm da bot, schien sein Denken wieder einzusetzen: ‚Wo soll ich mich melden?‘ Da vorne standen zwei Polizisten, da würde er hingehen. Jens vermied es, nach oben zu schauen, das würde er gleich tun, gleich, erst musste er sich melden! ‚Mein Name ist Jens Gruber, mir gehört die Wohnung. Mein Name ist Jens … ‚, all die Leute, Hunderte, ‚Schaulustige‘, das Wort kam ihm seltsam vor, und die Straße voller …. das sind bestimmt … Jens begann, die Einsatzwagen der Feuerwehr zu zählen, während er auf die Polizisten zuging, die dem Haus am nächsten standen. Unmittelbar, bevor er sie erreichte, zog es ihm jedoch förmlich den Kopf in den Nacken, wie unter Zwang schaute er nach oben und blieb wie angewurzelt stehen:
Meterhohe Flammen schlugen aus sämtlichen Fenstern seiner Wohnung im obersten Stockwerk und krallten sich in das Dach des sechsstöckigen Wohnhauses, schmolzen es ein, rissen nieder, was Schutz nach außen sein sollte, griffen es sich von innen her, rasend in ihrer vernichtenden Hitze und gleichzeitig ganz ruhig in der Gewissheit, dass ihnen nichts entkommen werde. Durch die Fenster sah man Teile der Decke herabstürzen, eins seiner Bücherregale! – er meinte es brechen zu sehen. Dichter, tiefschwarzer Rauch stieg auf und verdunkelte den Himmel, für dessen Licht es kein Durchkommen mehr zu geben schien. In diesem Anblick lag nicht einmal der Schimmer einer Hoffnung, dass hier noch irgendetwas zu retten war. Da oben verbrannte sein Leben, in diesem Inferno sah Jens sich selbst vergehen, und für einen Moment blickte er mitten in die Hölle einer bodenlosen Angst.
Dann aber fing er sich wieder, zwang sich, den Blick abzuwenden und wieder nach unten zu schauen, setzte sich in Bewegung und ging wie unbeteiligt an den Polizisten vorbei, die ihn bisher nicht bemerkt zu haben schienen. Er machte einen großen Bogen um den Rettungsbus der Feuerwehr, durch dessen Fenster er einige seiner Nachbarn erkennen konnte, und floh in die Anonymität einer Gruppe von Zuschauern, die ihm sämtlich fremd waren. ‚Nur fünf Minuten‘, sagte er sich, ‚ich geh‘ gleich hin, ich muss mich ja melden, nur fünf Minuten!“, und er spürte, wie die Angst wich, als habe sie ihm diesen Aufschub gewährt. Er wurde selbst zum Zuschauer, konnte sich durchaus in die Lage des Wohnungsbesitzers hineinversetzen, aber er war es nicht mehr selbst, er gestattete sich, seine Identität vor sich selbst zu verleugnen, für fünf Minuten!
„Furchtbar, nicht?“ der Mann rechts neben ihm sprach ihn an, „die armen Leute, und das kurz nach Jahrebeginn!“
„Ja, furchtbar sowas“, antwortete Jens und merkte, wie er sich doch noch nicht ganz im Griff hatte, eine Frage drängte durch seine Maskerade und da hatte er sie auch schon gestellt:
„Ist jemand verletzt?“
Er spürte, wie sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten und ein Taumeln von ihm Besitz ergriff, was würde er jetzt hören, kam jetzt der Todesstoß?
„Nein, verletzt ist Gott sei Dank niemand, sie haben alle rechtzeitig das Haus verlassen können!“
Jens atmete leise auf. Und als sei diese Nachricht eine Ermutigung für sein Verhalten, fing er an, sich geradezu wohlzufühlen in seiner Zuschauerrolle.
Eine ganze Weile stand er da und sah den Bemühungen der Feuerwehr zu, Herr über die Flammen zu werden und die Nachbarhäuser vor einem Übergreifen des Brandes zu schützen. Es schien ihnen zu gelingen, das ging alles sehr professionell und ruhig vor sich, fand Jens, die verstanden ihre Arbeit. Er wechselte auch noch das ein oder andere Wort mit einigen der Passanten, die immer wieder stehenblieben, um kommentierend an dem Schauspiel teilzunehmen. Wie in einem Traum nahm Jens alles aus sicherer Distanz wahr, war sich seines Ausnahmezustandes auch leidlich bewusst, blieb aber doch in einer Art Autismus vor sich selbst verborgen und überließ das Ende dieses Zustandes seiner inneren Uhr, die ihm wohl sagen würde, wann die fünf Minuten vorbei sein würden.

„Das ist Ihre Wohnung, nicht wahr?“
Sie stand schon eine ganze Weile neben ihm, das hatte er wohl bemerkt. Womit hatte er sich verraten? Aber egal, irgendetwas musste er ihr jetzt antworten. Jens riss sich vom Anblick seiner brennenden Wohnung los und blickte die Frau an, die ihn so unvermittelt angesprochen hatte. Auch in dieser außergewöhnlichen Situation konnte er seinen wie automatisch ablaufenden Mann-Frau-Check nicht zurückhalten: sie passte eindeutig nicht in sein Beuteschema, zu alt, zwischen fünfzig und sechzig, schätzte er, zu klein, etwas Müdes, Erschöpftes umgab sie und ja, die Frisur!, die war ja schon ein bisschen eigenartig! Alles in allem: Abteilung Alien, uninteressant. Als lange eingeübter Single brauchte er für diese die Koordinaten des weiteren Gesprächs festlegende Einschätzung nur den Bruchteil einer Sekunde, in diesem Fall wäre seine normale Reaktion höflich, knapp und distanziert gewesen.
„Oh, das haben Sie erkannt? Respekt! Also ja, genau, ich bekenne: Sie sehen da gerade mein Hab und Gut in Flammen aufgehen. Ich hab‘ mir hier eine kleine Auszeit genommen, bevor ich mich vor der Polizei oute, werden Sie mich jetzt verpfeifen?“
Es waren ihre Augen, die ihn diese für ihn selbst überraschend ausführliche und freundliche Antwort hatten geben lassen, ihre Augen, die sich in die seinen senkten, als hätten sie alles gesehen, was ihn ausmachte, als kennten sie jeden Winkel seines Daseins, jedes Detail seiner Geschichte und jeden Abgrund seines Wesens, als sei ihnen das alles lange vertraut. Diese Augen, sie schauten in sein Innerstes und was das Erstaunlichste war: sie schienen ihre Freude daran zu haben, was sie da sahen!
„Klar, ich werde Sie verraten, ausliefern werde ich Sie! Quatsch, ich hätte das genauso gemacht!“
Jens hätte diese fremde Frau umarmen können ob ihrer Sympathiebekundung, wurde dann aber doch unsicher und fragte nach:
„Kennen wir uns vielleicht, Sie müssen verzeihen …“ Er deutete mit einer kurzen Kopfbewegung auf das Inferno gegenüber, um seine eventuelle Gedächtnisschwäche vorsorglich zu entschuldigen.
„Ob wir uns kennen!, was für eine Frage!“, antwortete sie, etwas ernster werdend und dennoch mit einem geradezu verschmitzten Lächeln, das er der Situation eigentlich nicht für angemessen hielt.
„Kennen Sie denn sich selbst, kennen Sie Ihre Mutter, kenne ich Sie? Aber um Sie nicht zu verwirren: nein, wir sind uns wohl bisher noch nicht begegnet.“
„Sie sind nicht besonders beeindruckt von dieser Situation, oder?“ Jens ging etwas auf Distanz, wollte er dieses Gespräch überhaupt? „Ich verliere da gerade alles, was ich habe, alles, was ich bin!“
„Ja sehen Sie, das täuscht!“, sie war frech wie eine junge Göre, aber zugleich von einer solch unglaublichen Milde umgeben, dass Jens all seine Bedenken gleich wieder aufgab. Ja, er wollte dieses Gespräch, und wie er es wollte!
„Sie wissen wohl alles besser, was?“ versuchte er, sein unerschrockenes Gegenüber zu provozieren und fuhr mit ernst werdender Miene fort: „Mein Auto gehört der Firma, alles, was ich besitze – und manches bedeutet mir wirklich sehr viel! – befindet sich da oben, mein Klavier, meine Bücher, viele Erinnerungen. Und außerdem …“ Jens senkte den Blick, „außerdem weiß ich ja noch nicht, ob ich schuld bin an dem Brand, hab‘ ich was angelassen, Kaffeemaschine, Herd, was weiß ich, hab‘ ich diese Katastrophe ausgelöst? Ich weiß das ja noch nicht! Deshalb vor allem steh‘ ich hier und trau‘ mich nicht weiter. Da vorne in dem Bus!“ – er warf einen kurzen Blick in Richtung des Rettungsbusses, vor dem man jetzt zwei seiner Nachbarn erkennen konnte, denen man ansah, dass sie sich hastig irgendetwas übergezogen haben mussten, bevor sie fluchtartig das Haus verlassen hatten  – „vielleicht sitzen ja wegen mir zehn Familien jetzt auf der Straße und haben ebenfalls ihre Habe verloren!“ Jetzt erst wurde ihm seine Situation voll und ganz bewusst und die Angst tauchte wieder auf, die er vorhin empfunden hatte und noch einmal war es, als schaue er ins Innere des Höllenfeuers: vielleicht war er schuld!
„Irgendwas hat es ausgelöst, Sie werden ja sehen, inwieweit Sie beteiligt waren, absichtlich haben Sie’s ja wohl nicht gemacht! Es ist niemand verletzt, schon gehört?“
Wie beiläufig sprach sie mit ihm, als ginge es um Banalitäten, aber ihre Freundlichkeit umgab ihn inzwischen wie eine schützende Decke, sie hätte sich jetzt alles erlauben können zu sagen.
„Gott sei Dank, ja!“, Jens atmete auf, „das ist die Hauptsache!“
„Grund zur Freude, finden Sie nicht?“
„ja .. schon …“
„Und Dankbarkeit!“
„Es bleibt genug, für das zumindest meine Nachbarn nicht dankbar sein werden!“
„Kennen Sie sie?“, es hatte etwas Erbarmungsloses, wie sie ihn da befragte!
„Wen?“, Jens stöhnte auf.
„Na, ihre Nachbarn!“
„Klar kenne ich … ja gut, natürlich nicht, ich weiß nicht wirklich, wie sie reagieren werden.“
Jetzt war es plötzlich, als würde die schützende Decke, die ihn eben noch so wohlig umgeben hatte, ein kleines Stückchen weggezogen, so, als bräuchte sie die kleine Frau einen Moment lang für sich selbst:
„Wir legen doch alle ständig Feuer, ohne es eigentlich zu wollen, ist es nicht so?“, sagte sie ein wenig traurig klingend, „jede noch so kleine Aggression stiftet doch irgend einen Angstbrand! Wir sollten einfach hingehen, um einander beim Löschen zu helfen, anstatt uns zu verurteilen dafür! Gehen Sie nur, und gehen Sie im Vertrauen, Sie werden sehen, es wird auch viel Trost geben für Sie, und wenn man Sie angreift, dann helfen Sie beim Löschen, Sie verstehen das schon richtig, nicht wahr?“
Immer noch ging ein wenig Traurigkeit von der Frau aus, einen Moment lang entzog sie sich Jens‘ Blick, der davon mehr erschrocken als von dem weiter wütenden Feuer auf der anderen Straßenseite reflexhaft fragte:
„Wie heißen Sie? Mein Name ist Jens Gruber!“
„Anja“, sagte sie nur und schaute ihn wieder mit ihrer entwaffnenden Milde an: „Freut mich, Jens!“
Irgendwie ging diese Frau eine Abkürzung, so kam es Jens vor. Sie hielt sich nicht mit Unwesentlichem auf, als schaue sie auf ein nahes Ziel, von dem sie nicht mehr bezweifelte, dass sie es erreichen werde.
Eine Weile standen sie noch schweigend nebeneinander und sahen, wie die Bemühungen der Feuerwehr zu fruchten schienen: man sah jetzt nur noch Rauch, keine Flammen mehr. Jens musste sich sehr beherrschen, die Frau neben sich nicht zu berühren. Der Gedanke, dass er jetzt gleich losgehen werde, um sich bei der Polizei zu melden, war ihm leicht geworden dank ihrer Hilfe, dank ihrer Arglosigkeit und ihrem Vertrauen, woher auch immer sie das nahm, ganz fasste Jens noch nicht, was hier vor sich ging.
Jetzt aber war sie es, die seinen Arm anstupste: „Hier, nimm das! Da hinten liegt deine halbe Bibliothek auf der Straße, ich hab‘ ein wenig drin herumgewühlt, viel war ja nicht mehr zu erkennen, aber das hier, ich dachte, das bring‘ ich dir mit, das passt so schön! Ist deine Handschrift, oder?“
Jens schluckte seine Fragen herunter: Sie hatte also angeblich hundert Meter weiter in den verkohlten Papieren gestöbert, die unaufhörlich aus seiner Wohnung auf die Straße heruntersegelten, und wollte da schon gewusst haben, dass sie ihm begegnen würde? Er akzeptierte es einfach als gegeben und nahm das halb verkohlte Blatt entgegen, das sie ihm reichte.
„Ja, das ist meine Handschrift, ‚… nix aus der Asche’“, konnte er noch lesen, darunter nur ein paar kryptische Satzteile. „’Phönix aus der Asche‘, ja, das ist von mir, tatsächlich, das ist schon gute zehn Jahre her, ich wollte einer erkrankten Freundin ein Buch schenken, aber sie ist leider vor meinem Besuch gestorben. Als ich von ihrer Beerdigung kam, war ich sehr berührt und habe spontan ein kleines Gedicht in das Buch hineingeschrieben. Es hatte all die Jahre einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek. Aber aufgeschlagen habe ich es seitdem nicht mehr. Ja, das passt nun wirklich!“
Er befreite das Blatt so gut es ging vom Ruß, faltete es zusammen und steckte es in seine Jackentasche.
„Gut, dann habe ich das jetzt für dich aufgeschlagen, mach’s gut, Jens, mein Lieber! Und zweifle nicht daran, dass du nicht das bist, was da oben verbrennt!“ Sie durfte so reden, Jens freute sich so sehr über diese Worte, dass er sie gehen ließ, ohne nach ihrem vollen Namen zu fragen; nicht, weil er sie nicht wiedersehen wollte, sondern ganz im Gegenteil, weil die Möglichkeit, dass er sie nicht wiedersehen könnte, in diesem Moment für ihn nicht existierte.
„Ja, du auch, Anja, mach’s du auch gut, und … danke!“
„Ich danke dir, mein Lieber!“ antwortete sie, und erst jetzt, als sie ging, und er sie gehen ließ, wurde Jens allmählich bewusst, was er die ganze Zeit schon gesehen, auch richtig eingeordnet hatte, was er aber bis jetzt doch nicht vollständig in sein Bewusstsein hatte vordringen lassen: die seltsame Frisur, wie er das vorhin noch genannt hatte, war zweifellos eine Perücke, und ihre Erschöpftheit … Tränen stiegen ihm in die Augen, er wollte ihr schon nachrufen, aber er meinte Anjas „nein“ zu sehen … und ihr alles nein überstrahlendes „Ja“: es war alles gut so, alles war gut.

Als Jens abends in seinem Hotelzimmer saß und die Ereignisse noch einmal vor sich ablaufen ließ, fiel ihm wieder die Buchseite ein, die Anja für ihn gefunden hatte. Er griff nach seiner Jacke, holte sie aus der Tasche und sah der Rußflocke nach, die ganz ruhig auf den Teppichboden segelte, wo sie in einer Zartheit lag, als wolle sie den Teppich nur berühren, nicht aber beschmutzen. Sorgsam faltete er das Blatt auf, dachte einen glücklichen Moment lang an Anja, lehnte sich in seinem Sessel zurück und schlief ein.

*

Phönix aus der Asche

Hört‘ ich ein leises Rauschen,
Als teilte sanfter Flügelschlag die Luft,
Auf dass ich wahrhaft sehen möge,
Was nieder mir zu sinken schien in dunkle Gruft.

Und löste meine Augen
Von diesem Freude-Trauer-Wechselland,
Dein Haus, darauf gebaut gleich meinem,
Von Hoffnung sorgsam wohl umzäunt, war’s doch verbrannt.

Gab all mein banges Halten,
Mein Sehnen, Wünschen, Wollen gab ich hin,
Und sah, sah durch den Fächer Deiner Schwingen,
Dass Du mir immer nah, und ich Dir ewig bin.

*

Sei froh, Neues Jahr!

So genannter Friede neben Kriegsgetöse,
Wirst Du anders, Neues Jahr?
Deine Wörter zwischen Gut und Böse
Bleiben Fragen ohne Antwort – was ist wahr?

Solange Hell und Dunkel um den Sieg noch ringen,
Wendest Du das alte nur zum neuen Kleid,
Dein Rechten wird Dir keinen Frieden bringen,
Und unerhört  Dein schweigend‘ Leid.

Neues Jahr, magst Dich besinnen,
Antwort gibt ein kleines Licht
Auf Dein Fragen, ganz tief drinnen,
Verweigert sich dem Dunkel nicht.

Ist Dein reiner, eig’ner Wille,
War als der Selbe jeder Zeit schon da,
Blieb Deine Liebe, treu und stille,
Und wartet, wartet schon so lange auf Dein „Ja“.

*

Zwischen den Zeiten

Als die Stadt sich Glück erträumend
Und vom Feiern müde endlich schlief,
Als die Lichter längst erloschen,
Nur die Turmuhr einsam nach dem Morgen rief,

Warst Du plötzlich – tiefe Stille,
Unabweisbar, nicht zu fliehen nah,
An der Zeit vorbeigegangen,
Schon bei mir, bevor ich dich noch kommen sah.

Und ich vergaß, mich zu erschrecken,
Erkannte einen alten Freund,
Dem ich nur die Tür verschlossen,
Als vom Glücke selbstvergessen ich geträumt.

*