Autor: Michael

Rendezvous

Sie sind definitiv beide älter als achtzig!, denke ich.
Er muss zum Arzt, sie bringt ihn. Vor der Tür der Praxis aber bleiben sie noch eine Weile stehen und flirten ein wenig miteinander, sehr gut für mich zu beobachten, ich stehe nur wenige Meter entfernt an der Bushaltestelle.
Ja, genau, sie flirten! Ich würde sogar sagen, sie turteln wie die Frischverliebten. Er himmelt sie an, sie himmelt zurück, „hast du mal ein bisschen Geld für mich?“ fragt er, und sie: „Geld willst du von mir? Das ist ja heiß!“, und stößt ihn kokett mit dem Ellbogen in die Seite, „nur ein bisschen, für den Bus“!, erwidert er entzückt von ihrer Anmache, „natürlich, mein Liebster, hier hast du!, und komm schnell nach Hause!“
Sie können gar nicht voneinander lassen, aber schließlich trennen sie sich doch, winkend und Küsschen durch die Luft pustend verschwindet er in der Arztpraxis.
Ich muss ganz schön komisch aus der Wäsche schauen, sie blickt mich fragend an, ich sage: „Sie gehen ja entzückend miteinander um!“ „Wer? Ich und mein Mann?“ „Ja, ähh, Sie und Ihr Mann…“ „Danke, ach so … ja, das stimmt, wir haben uns ganz schön gern, und das schon ziemlich lange, wir sind beide über neunzig, wissen Sie!“
Und dabei schaut sie mich an mit ihrem vom Herbst des Lebens gezeichneten Gesicht, aus dem sich ein zauberhaftes Lächeln über alle Schatten erhebt, die neunzig Jahre lang vergeblich versucht haben, sein Licht zu verdunkeln.

 

*

Ich

Wollt‘ nur wissen, wer ich bin,
Konnt’s nicht recht erkennen,
Offensichtlich schien für Andere der Dinge Sinn,
Ihnen eiferte ich nach, die Teile dieses Lebenspuzzles
zu benennen,

Und war doch nie zufrieden,
Nie schien, was ich zusammensetzte, ganz zu sein,
Im Nebel war der Stamm des Lebensbaums, im Dunkel
seine Wurzel mir geblieben,
Ins Unendliche sich spaltend sein Geäst, und sprachlos
sah ich jeden Zweig für sich allein.

Erst als in Deinen Augen ich dieselbe Frage sah,
Da wichen alle Nebel, all die Zweifel hin,
Kamst mir das Trennende der Worte überliebend nah,
Zu sagen, wer ich bin.

*

Obdach

Diese Geschichte hat mir mein Freund Tom erzählt:

Zwei Männer sind es, deren Begegnung in einem Krankenhaus mit einigem Recht als bemerkenswert bezeichnet werden kann:

Tom, der nach einer langen Nachtwanderung erschöpft von Anstrengung und Kälte zusammengebrochen war, weil das elektrische Leitungssystem seines Herzens die Signale zur Muskelkontraktion nur noch ungeordnet weitergegeben hatte, was zur Diagnose „Vorhofflimmern“ und der notfallmäßigen Aufnahme im Krankenhaus geführt hatte,
und Erwin, den übermäßiger Alkoholkonsum in eine ähnlich bedenkliche körperliche Situation gebracht hatte und der in der kleinen Parkanlage direkt vor dem Krankenhaus gleich vom Personal eingesammelt und erstversorgt worden war.
Der Zufall also, vielleicht war’s auch das Schicksal, hatte die beiden zu Zimmernachbarn werden lassen.

Man sprach an diesem Abend nicht mehr sehr viel, Tom konnte aber an Erwins Äußerem und der Tatsache, dass er seine Habseligkeiten in vier Plastiktüten mit sich führte, erahnen, dass es sich wohl um einen Obdachlosen handele.
Erwin musste sich dann am nächsten Morgen – nicht ganz nach seinem Willen – gleich wieder verabschieden, da er nicht mit einer Krankenkarte aufwarten konnte und die Ärzte befanden, dass sich sein Zustand aufgrund der erfreulichen Tendenz der ihn krankmachenden Substanz, sich auf natürlichem Wege relativ rasch zu verflüchtigen, über Nacht so weit verbessert habe, dass eine Entlassung zu rechtfertigen sei.

Schon am Abend desselben Tages aber war er wieder da, diesmal als Besucher. Etwas schüchtern kam er herein, – Tom saß gerade beim Abendessen – stellte erleichtert fest, dass das zweite Bett freigeblieben war, und bat Tom ohne Umschweife, noch einmal die Wonnen eines warmen Duschbades genießen zu dürfen. Tom empfand das Bedürfnis seines Ex-Nachbarn als durchaus nachvollziehbar und sah keinen Grund, ihn abzuweisen. Er gab ihm sein Duschgel, verwies auf die frischen Handtücher im Bad und genoss weiter sein Abendessen, während Erwin ausgiebig duschte. Anschließend huschte dieser etwas verlegen an Tom mit einem kurzen „danke“ vorbei und verschwand.
Am nächsten Abend, zur gleichen Zeit, erschien er erneut. Die Zeit war nicht schlecht gewählt, weil die Stationsschwestern mit der Essensausgabe beschäftigt waren und derweil die Gefahr eines Überraschungsbesuches ihrerseits beispielsweise zum Blutdruckmessen, Bettenmachen oder ähnlichem relativ gering war.
Diesmal stapelte Erwin, bevor er seine Bitte äußerte, vor Tom drei Dosen Makrelen in Tomatensoße auf, als Abonnement für die nächsten drei Tage sozusagen und wohl in der berechtigten Annahme, mit dieser kulinarischen Delikatesse die sprichwörtliche Krankenhauskost um Längen schlagen zu können. Tom inspizierte kurz die Ware, befand die Dosen rostfrei, dellenlos, ungeöffnet, vom Verfallsdatum her akzeptabel und damit in einwandfreiem Zustand und erklärte sich lächelnd mit dem Deal einverstanden.

Das Ganze ging dann noch etliche Tage nach Ablauf des Abos weiter, jetzt gab es auch mal einen kleinen Salat oder was Süßes, und man gewöhnte sich an, sobald Erwin sein Duschbad beendet hatte, noch eine Weile am Fenster des Krankenzimmers, das sich im siebten Stock befand, zusammenzustehen, hinauszuschauen und ein paar Worte zu wechseln.
Dabei blickten die beiden Männer genau auf Erwins Arbeits – und Wohnbereich und Tom erfuhr, hinter welchem Busch der Schlafsack wartete und wo die aussichtsreichsten Stellen waren, von den Krankenhausbesuchern etwas Geld abzubekommen.

Nach knapp zwei Wochen wurde Tom endlich entlassen, sein Herz schlug wieder regelmäßig und es ging ihm gut. Er packte seine Sachen zusammen und trat noch einmal ans Fenster. Da sah er Erwin, wie er unten, mitten auf der Wiese stand, und zum siebten Stock hinaufblickte, offensichtlich in dem Bemühen, das richtige Fenster zu identifizieren. Als Erwin das vertraute Gesicht Toms entdeckte, winkte er ihm erfreut zu und Tom erwiderte den Gruß gerührt, Freund auf Zeit und Bruder auf ewig.

*

Der Berg

Unansprechbar scheinst Du,
Übermächtige Gewalt,
All die Zeiten, die Du überdauert,
Jahrmillionen bist Du alt;

Schau‘ in einer dunklen Ehrfurcht zu Dir auf,
Vor Dir bin ich nur Zwerg,
Schnee krönt funkelnd Dir das Haupt,
Der Sonne bist Du näher als wir alle: Du, der Berg.

Als ich zögernd meine ersten Schritte setze,
Wie wär’s möglich, Dich zu überwinden?
Noch über Dich hinweg, an Dir vorbei?
Wie wär‘ der Weg ins Unverstellte je zu finden?,

Treibt mich allein die Ahnung, dass ich soll,
Was jenseits meiner Kraft zu liegen scheint,
Und weiß noch nicht einmal zu sagen,
Was mit dem „Unverstellten“ sei gemeint …

Auf halber Höhe, als die Sonne sinkt,
Errichte ich mein Zelt,
Das Abendlied der Dämmerung ist noch zu hör’n,
In tiefe Dunkelheit vergeht die Welt.

Da fließt des mächt’gen Berges Stille in die meine,
Und Freude wird zum Licht,
Ein Stein rollt, talwärts flüstert sich ein Bach,
Und gänzlich unverstellt für diesen Augenblick
ist meine Sicht.

*

Frieden

Hatte einen schönen Traum,
Da konnt‘ ich fliegen,
Sah unter mir
Die Dörfer, Felder, all die Wege liegen

Meines Wanderlebens;
Lautlos glitt ich über alles her,
in Frieden, frei, voll Glück,
Nicht leicht nahm ich, nicht schwer,

Was ich mit Augen sah,
Ich konnt‘ ja fliegen;
Da sah ich drunten mich
Im Grase träumend liegen,

Und wurde wach.
Noch auf den Schwingen meines Traums
Gewahrte ich der Sonne Lächeln,
Ihr Blinzeln durch die Blätter eines Baums,

Und eine Weile noch,
Als verginge keine Zeit,
War ich im Wachen schon,
Und traumlos für mein Glück bereit.

*

Lebe wohl!

Wir kennen uns seit dreißig Jahren: er, der große Literaturkritiker, ich, der kleine Dienstleister, und wir haben uns von Anfang an sympathisch gefunden. Drei oder vier Mal im Jahr haben wir uns gesehen und uns immer über Literatur, unsere gemeinsame Leidenschaft, unterhalten.
Als ich im letzten Jahr mein erstes kleines Buch veröffentliche, bin nicht nur ich, sondern auch er ganz aufgeregt: gleich will er es lesen und natürlich sende ich es ihm sofort zu, ganz gespannt auf sein „Urteil“.
Er hat es nie gelesen. Natürlich hat er die Richtung gekannt, in der ich schreibe, aus unseren Gesprächen zuvor, und vielleicht ist das der Grund: meine Weltanschauung ist ganz sicher nicht die seine gewesen, die man vielleicht sinnlich-pragmatisch, zupackend und rational nennen kann, und sein Verhältnis zur Spiritualität hat er selbst als das eines Agnostikers bezeichnet: er wolle nichts ausschließen, aber solange kein Beweis vorliege, orientiere er sich lieber an der Realität.
Das ist für unsere Gespräche nie ein Problem gewesen, aber jetzt … jetzt liest er mein Buch nicht! Und natürlich bin ich irritiert. Vorsichtige Nachfragen machen klar: Nicht einmal aufgeschlagen hat er es, und ich komme an den Punkt, an dem ich die Hoffnung aufgebe, er werde es doch noch einmal in die Hand nehmen: es ist wichtiger, dass unser gutes Verhältnis bestehen bleibt.

Dann ist er achtzig geworden. Ich habe ihm bei der nächsten Gelegenheit gratuliert und  ihn auf den offenen Brief seiner Tochter angesprochen, der in den Zeitungen abgedruckt gewesen ist: Die wunderbar geschriebene ganz große Liebeserklärung einer Tochter an ihren Vater, und so sage ich ihm das auch. Und dass ich fände, dass jemand, der derart in der Liebe eines anderen Menschen aufgehoben sei, von sich sagen könne, er sei angekommen. Das hat ihn sehr gerührt, und von da an ist der kleine Misston zwischen uns verschwunden, wenn wir uns wieder begegnen und doch die leise Frage im Raum steht: hast du’s jetzt gelesen? Etwas hat die kleine Verstimmung überholt und gelöscht.

Und daran habe ich viel gelernt.

Danke, lieber Freund, denn so darf ich dich nennen, seit wir uns dieses eine Mal begegnet sind an dem Ort, den man in Büchern eh nur unzureichend beschreiben kann.

Heute in der Nacht bist du gestorben. Lebe wohl!

*

Herbst

Leise rührt das Allvergeh’n
An mein Herz,
Was gescheh’n,
Fragt nach dem Sinn;

Himmelwärts
Will da mein Blick,
Fängt sich im Schmerz:
Sagt’s mir so, mit welken Blättern, wer ich bin?

Steht ein kleiner Halm von Gras
wie ein Tröster, tanzt im Wind:
Glaub‘ meiner Kraft, die ohne Maß,
Dass Du und ich das Nievergeh’nde sind.

*